„Ohne mich sind sie aufgeschmissen“

Mohammed Nousair (24) ist Sprachmittler. Mit 13 Jahren kam er aus Palästina nach Deutschland. Seitdem zweisprachig aufgewachsen, arbeitet er seit April 2015 in einer Flüchtlingsunterkunft.

Die Arbeit eines Sprachmittlers

Als Sprachmittler übernimmt Mohammed die klassischen Aufgaben von Dolmetscher*innen, das Übermitteln einer Sprache in eine andere, sowie die von Übersetzer*innen, die schriftliche Texte übertragen. „Wann bist du hergekommen nach Deutschland? Auf was muss ich achten?“ sind Fragen, die Mohammed häufig hört. „Ich bin für Flüchtlinge oft ein Anhaltspunkt, die Schnur, an der sie sich festhalten können“, sagt er.

Schätzungsweise betreuen zwischen 20.000 und 55.000 Sprachmittler*innen haupt- und ehrenamtlich Menschen in Flüchtlingsunterkünften in Deutschland. Monika Eingruber, Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer e.V. erklärt, dass es schwierig sei genaue Zahlen zu bekommen, weil es kein zentrales Register zur Erfassung gäbe.

Viele der in der Flüchtlingsarbeit engagierten sind bilingual aufgewachsen oder noch mitten im (Sprach-)Studium und haben keine klassische Ausbildung hinter sich, weder zum staatlich geprüften Dolmetscher*in/Übersetzer*in noch ein Studium zum Simultan-Dolmetschen.

Der Dolmetscher als Vertrauensperson

In der Regel begleitet Mohammed Geflüchtete zum Jobcenter und zum Arzt. „Ein Dolmetscher ist oft eine Vertrauensperson. Ein Mensch, der Dinge erfährt, die sonst kein anderer - oft sogar kein Familienmitglied - erfährt“, erklärt er. Denn insbesondere bei Arztbesuchen geht es um sehr private Angelegenheiten. Sprachmittler*innen unterliegen daher ebenso wie medizinisches Personal der Schweigepflicht. Soud Hamoud, der aus Syrien floh und in Hamburg unter anderem von Mohammed unterstützt wird, betont: „Die Beziehung ist sehr wichtig, weil man einen Dolmetscher schon sehr viel anvertraut.“

Ein weiteres Aufgabenfeld ist das Übersetzen oder das Zusammenfassen amtlicher Dokumente. „Im Deutschen gibt es oft informative Post. Viele Flüchtlinge verstehen das nicht und haben Angst, dass sie irgendwas falsch gemacht haben“, erklärt Mohammed.

Die meisten Geflüchteten können keinen Brief in deutscher Amtssprache lesen und erst recht nicht verstehen. Eine Hürde sei, dass viele Geflüchtete aus dem arabischsprachigen Raum Probleme mit dem - für sie neuen - lateinischen Schriftsystem haben.

Dolmetschen nicht immer nötig

Soud Hamoud kritisiert, dass manche Mitarbeiter*innen des Jobcenters Dolmetscher*innen trotz ausreichender Sprachkenntnisse anfordern würden. „Es ist total abhängig von Sachbearbeiter zu Sachbearbeiter“, berichtet er und führt aus: „Manch einer akzeptiert die Deutschkenntnisse, die man hat und manch anderer nicht.“ Denn für die Findung eines Dolmetscher*ins und gegebenenfalls die Bezahlung sind die Geflüchteten selbst verantwortlich.

Mohammed hofft, dass ihn die Geflüchteten, die er jetzt betreut, bald nicht mehr brauchen. Denn für ihn bedeutet Sprache viel. „Wenn man eine Sprache spricht, ist man unabhängig, dann ist man frei“, sagt er.

Schwarze Schafe in der Branche

Wichtig beim Dolmetschen ist für Mohammed die Integrität, er betont: „Der Dolmetscher ist neutral, er übersetzt und geht dann wieder.“ Doch das sei nicht immer der Fall: „Ich höre von Schikanen von Dolmetschern, die eine andere religiöse Ansicht und Zugehörigkeit haben. Das diese Konflikte dabei ausgetragen werden, ist einfach nur furchtbar. Die Rolle eines Dolmetschers ist es Inhalt zu vermitteln. Punkt.“

Insbesondere Eritreer*innen hätten mit diesem Problem zu kämpfen, da es nur sehr wenige Tigrinya-Dolmetscher*innen gäbe. Inzwischen gibt es zahlreiche Medienberichte, nach denen regimetreue Übersetzer*innen und Dolmetscher*innen aus Eritrea sogar in deutschen Ämtern arbeiten würden.

Mohammed Nousair möchte auch später in der Sprachbranche tätig sein und an seinen Bachelor in Islamwissenschaft einen Master im Simultan-Dolmetschen anschließen. Das Einzige, was er an seiner Arbeit kritisiert, ist, dass er vielen Flüchtlingen oft klar machen müsse, nicht rund um die Uhr für sie persönlich zur Verfügung stehen zu können: „Ich kann nicht für jeden 24/7 da sein.“ Wünschen würde er sich, dass es Geflüchteten schneller gestattet wird, Deutschkurse zu besuchen.

Dass Sprache von vielen als "Türöffner für alles" gesehen wird, lest ihr in unserer Umfrage unter jungen Syrern.

Henri Maiworm
19 Jahre, Kiel
... hat gemerkt, dass es Menschen wie Mohammed sind, die mit ihrer Arbeit erst die Kommunikation von Geflüchteten - und letzten Endes somit auch die Integration – ermöglichen.

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