1961 - 2016: Parallelen?

Bora Akşen sitzt entspannt zurückgelehnt an einem großen Holztisch. Durch die bunten Glasscheiben der Bibliothek des Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven fällt Licht auf die mit Büchern gefüllten Regale. Der Projektleiter des Forums Migration am Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven ist selber Sohn eines Gastarbeiters.

Um die Schwierigkeiten der damaligen Situation nachvollziehen zu können, müsse man weit zurückblicken: Zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geht es mit der deutschen Wirtschaft rasant bergauf, es fehlt den Fabriken an Arbeitskräften. Es werden Anwerbeabkommen mit verschiedenen Ländern abgeschlossen, wie zum Beispiel 1961 mit der Türkei. Türkische Arbeiter*innen werden als sogenannte Hilfsarbeiter*innen mit befristeten Arbeitsverträgen eingesetzt. Es wird von ungelernten und hochmotivierten Arbeitskräften ausgegangen, die Deutschland nach Vertragsablauf freiwillig wieder verlassen, die Devisen in ihre Heimat schicken und technisches Know-How erlernen, das sie später in der Türkei anwenden können.

Integration war nicht vorgesehen

"Eine Integration war überhaupt nicht vorgesehen", beschreibt Akşen die damalige Politik. Bis zu dieser Einsicht behalten die türkischen Arbeiter*innen den Status einfacher Angestellter, die weder Führungspositionen bekleiden, noch Anspruch auf Sprach- geschweige denn Integrationskurse haben. Um Geld zu sparen, werden viele der Gastarbeiter*innen in firmeneigenen barackenähnlichen Sammelunterkünften untergebracht.

1973 tritt eine rasante Veränderung ein: Während viele Deutsche den ersten Gastarbeiter*innen zunächst neugierig gegenüberstehen, ändert sich das Bild als klar wird, dass viele von ihnen entgegen ihrer Erwartungen nicht in ihre Heimatländer zurückkehren wollen. "Man könnte sagen, dass an diesem Punkt die Stimmung gekippt ist", stellt Bora Akşen fest. Die Ölkrise 1973 wird als willkommener Anlass genommen, um einen Anwerbestopp für ausländische Arbeitnehmer*innen zu beschließen. Kurz davor titelte der Spiegel: "Die Türken kommen – rette sich, wer kann".

Familiennachzug und Rückkehr-Hilfe-Gesetz

Die Angst vieler Gastarbeiter*innen vor unsicheren Arbeitsbedingungen in der Türkei und die Tatsache, dass sie nicht aus einem Land der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stammen, was die Wiedereinreise erschwerte, bekräftige sie, in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Nach dem Anwerbestopp konnten nicht-deutsche Staatsbürger*innen nur noch über Familiennachzug, politisches Asyl oder über das sogenannte Bundesvertriebenengesetz eine Aufenthaltsgenehmigung für die Bundesrepublik bekommen.

Es kommt zu Ressentiments und Anfeindungen gegenüber türkischen Einwander*innen. 20 Jahre nachdem die ersten Gastarbeiter*innen eintreffen, wird das Rückkehr-Hilfe-Gesetz erlassen:  10.500 DM plus 1500 DM für jedes Kind wird denjenigen geboten, die sie sich dafür entscheiden, für immer in ihr Herkunftsland zurückzukehren. "Man hätte das Geld in Integrationsangebote investieren sollen", kritisiert Akşen und berichtet von Einwander*innenfamilien, die sich dermaßen von diesen Bemühungen verletzt fühlen, dass sie deswegen die Ausreise antraten.

1973 – 2016

Betrachtet man die Debatte der deutschen Gesellschaft rund um die Geflüchteten seit Sommer 2015, so wird deutlich, dass diese kaum und mit der türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren vergleichbar ist. Die Gründe dafür sieht Bora Akşen in den Ursachen der Migration: "Menschen sind aus der Türkei gekommen, weil sie in Deutschland arbeiten wollten und sich ein besseres, komfortableres Leben erhofft hatten. Zudem war vielen Menschen in Deutschland bewusst, dass die sogenannten Gastarbeiter helfen, das deutsche Wirtschaftswunder weiter zu befeuern. Der Millionste Gastarbeiter wurde noch am Bahnhof von einer offiziellen Delegation begrüßt und ihm wurde zum Dank ein Moped überreicht. Die Flüchtlinge, die heutzutage zu uns kommen, flüchten wegen Krieg und Terror aus ihren Heimatländern. Aufgrund der hohen Zahl der geflüchteten Menschen denken immer mehr Menschen in 'Die kommen und sind eine Belastung für uns' und wollen eine Verminderung der Zuwanderung.“

Trotzdem meint Akşen: "Heutzutage wird anders an die Sache rangegangen als noch bei der türkischen Arbeitsmigration. Die langsam eintretende Einsicht, dass Deutschland sich zu einem Einwanderungsland entwickelt, kann sich nur vorteilhaft für die geflüchteten Menschen auswirken." In vielen Köpfen habe ein Umdenken eingesetzt, betont er: beispielsweise seien Deutsch- und Integrationskurse zu Beginn der Gastarbeiter*innen-Migration nicht denkbar gewesen. Heute gebe es die Einsicht, dass man nicht wieder den Fehler machen dürfe und Zuwander*innen ohne das Angebot, Teil der deutschen Gesellschaft zu werden, alleine mit sich zu lassen.

Wie verschieden Willkommenskulturen in Deutschland 1945, 1989 und 2016 waren, lest ihr hier. Was Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund heute über Integration denken, seht ihr in diesem Video. 

Katharina Kunert
18 Jahre, Hannover
... findet, Deutschland sei nun in der Verantwortung seine Versäumnisse an Integrationsarbeit nachzuholen.

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