Am Rand von Deutschland

Heidenau, Nauen, Tröglitz – die Liste der Städte, die es während der Flüchtlingskrise zu trauriger Berühmtheit gebracht haben, ließe sich beliebig verlängern. Scheinbar nette Städtchen mit historischem Stadtkern, in denen sich plötzlich soziale Abgründe auftun und besorgte Bürger*innen gegen Ausländer*innen hetzen, weil im Ort ein Flüchtlingsheim entstehen soll. Das brandenburgische Eisenhüttenstadt probiert gar nicht erst, den Eindruck bürgerlicher Spießigkeit zu erwecken. Schon bei der Anreise werden die sozialen Konflikte deutlich, die die Stadt an der deutsch-polnischen Grenze prägen.

In „Hütte“, wie die Stadt von ihren Bewohner*innen liebevoll genannt wird, dominieren Industrieruinen und verlassene Wohnblocks das Stadtbild. Zu Hochzeiten lebten mehr als 53.000 Menschen in der Stadt mit den markanten Plattenbauten und der florierenden Stahlindustrie. Heute sind es nicht einmal mehr 30.000. Um den Wohnungsleerstand zu reduzieren, wurden in den letzten Jahren mehrere Wohnviertel abgerissen. Gleichzeitig liegt die Arbeitslosenquote mit knapp 9 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Gerade für junge Leute ist die Stadt wenig attraktiv.

Vor der Wende war alles anders

„Sehr ruhig“ sei Eisenhüttenstadt früher gewesen, erzählen viele Einheimische heute. Ausländer*innen habe es damals kaum gegeben, nur ein paar vietnamesische Gastarbeiter*innen. Doch das sollte sich nach der Wende schnell ändern. 1991 beschloss das Land Brandenburg, die „Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber“ in Eisenhüttenstadt zu errichten. Seitdem kommen fast alle Geflüchteten, die in Brandenburg einen Asylantrag stellen, in die Planstadt an der Oder.

Seit Beginn des Syrienkrieges sind es so viele wie nie zuvor. Knapp 4.300 Plätze bietet die Zentrale Aufnahmestelle. Unter Geflüchteten haben Stadt und Erstaufnahme einen schlechten Ruf. Immer wieder berichten sie von überfüllten Zimmern, schlechtem Essen und einer unzureichenden medizinischen Versorgung. Im letzten Herbst soll sogar das Regenwasser in Teilen der Notunterkunft gestanden haben. „Eisen“ nennen sie die Stadt, weil der ganze Name für sie schwierig auszusprechen ist. Jeder ist froh, wenn er „Eisen“ hinter sich gelassen hat.

Die Region ist eine AfD-Hochburg

Dass die Geflüchteten die Stadt möglichst schnell verlassen, wünschen sich auch einige Eisenhüttenstädter*innen. Bei der letzten Landtagswahl erreichte die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) in der Region über 20 Prozent. Es gründete sich sogar eine rechtsextreme Bürgerwehr, die nachts durch die Straßen patrouillierte, um Einbrüche und Überfälle zu verhindern – explizit auch von Asylsuchenden. Inzwischen hat sich die Gruppe wieder aufgelöst und begnügt sich damit, im Internet Stimmung gegen Ausländer*innen zu machen. Damit sind sie recht erfolgreich: Mehr als 3.300 Likes zählt die örtliche „Nein zum Heim“-Seite. Bei 4.000 Geflüchteten bekommt fast jede*r hier sein eigenes „Nein“.

Ein lautes „Ja“ zu Geflüchteten, das andernorts von der bürgerlichen Mitte ausgeht, sucht man in der Stadt vergebens. Stattdessen sind es meist einzelne Bürger*innen, die den Neu-Eisenhüttenstädter*innen helfen. Eine von ihnen ist Brigitta Heitmüller. Die rüstige Rentnerin weiß, was Krieg bedeutet. Das motiviert sie auch in ihrem Engagement: „Egal ob im Krieg oder in der DDR, wir haben uns gegenseitig immer geholfen. Dabei spielt es keine Rolle, wo man herkommt.“ Von dieser Einstellung profitieren momentan zwei geflüchtete Familien, die in Heitmüllers Nachbarschaft wohnen. Für die Kinder strickt sie Mützen und organsiert Kleiderspenden, außerdem hilft sie bei der Übersetzung von Dokumenten. „Ich spreche zwar kein arabisch, aber mit meinem Laptop kann ich alles übersetzen“, sagt sie lachend.

Geflüchtete leben nicht im Luxus

Heitmüller ist es wichtig, mit einem Vorurteil aufzuräumen: „Die Flüchtlinge leben hier nicht im Luxus, die Wohnungen sind karg eingerichtet“, sagt sie. Natürlich kennt auch sie die Gerüchte von klauenden Asylsuchenden und verdreckten öffentlichen Parks. Allerdings bewertet sie das anders: „Ich kenne diese Geschichten nur vom Hörensagen, aber selbst wenn sie wahr sind, glaube ich, dass solche Probleme schnell lösbar sind.“

Mit Problembewältigung kennen sich Heitmüller und ihre neuen Nachbar*innen aus. Damit zeigen sie, dass Integration auch unter erschwerten Bedingungen wie in Eisenhüttenstadt gelingen kann. Dass davon die ganze Stadt profitiert, ist für Heitmüller keine Frage: „Endlich gibt es wieder lautes Kinderlachen in der Straße. In Eisenhüttenstadt ist es doch sonst immer so still!“ Das hat inzwischen auch die Kommunalpolitik erkannt. Ein ganzer Wohnblock der ursprünglich abgerissen werden sollte, wird nun ein neues Zuhause für geflüchtete Familien.

Mehr über die deutsch-polnische Grenze lest ihr hier. Von rechten Strömungen in Europa berichtet Marlene Knobloch

Markus Kollberg
Markus Kollberg
19 Jahre, Potsdam
... gibt ehrenamtlich Deutschunterricht für Geflüchtete.

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