Angst als ständige Begleiterin

Bei der Flucht ist nicht nur die Hoffnung auf ein besseres Leben im Gepäck, sondern auch Angst: In vielen Flüchtlingsheimen ist beispielsweise ein einfacher Toilettengang für Frauen und Kinder gefährlich, berichten das Deutsche Institut für Menschenrechte und die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Die Gefahr vor sexuellen Übergriffen sei zu groß, so zum Beispiel im jordanischen Zaatari Camp an der syrischen Grenze.

Frauen auf der Flucht

Frauen verlassen ihre Heimatländer aus unterschiedlichen Gründen. Die Vereinten Nationen nennen neben Unterdrückung und Verfolgung aus politischen oder religiösen Gründen auch geschlechterspezifische Bedrohungen wie genitale Verstümmelung. Gerade die Flucht sei mit zusätzlichen Risiken und Ängsten vor sexueller Belästigung verbunden. Deshalb sei Angst die ständige Begleiterin von Mädchen und allein reisenden Frauen mit oder ohne ihre Kinder. Die Ankunft in Deutschland beende den Zustand häufig nicht. Nach Medienrecherchen würden alleinstehende Frauen und Kinder sexualisierte Gewalt durch private Sicherheitskräfte oder andere Geflüchtete in Unterkünften befürchten.

Schutzmaßnahmen sind notwendig

Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge sind im Januar 2016 von den 50.000 Asylantragstellenden rund ein Drittel Frauen. Schutzmaßnahmen seien für Frauen notwendig, wie Anfang 2016 das FEMM Committee, der Ausschuss für die Rechte der Frau und Gleichberechtigung der Geschlechter der Europäischen Union, erkannt hat. Die EU hat seit 2013 dafür sogar eine eigene Richtlinie (2013/33/EU) bestimmt. Darin werden Mitgliedstaaten aufgefordert, gegen Übergriffe und geschlechtsbezogene Gewalt an Schutzbedürftige in den Unterbringungen zu handeln.

Verstoß gegen EU-Richtlinie

Mit Asylpaket II verstoße Deutschland jedoch gegen diese Richtlinie. Bei dem Asylgesetz sollte ursprünglich der Gewaltschutz für Frauen gesichert werden. Dazu zählte zum Beispiel die getrennte Unterbringung von Frauen in Gemeinschaftsunterkünften. Umgesetzt wurden die Schutzmaßnahmen nicht. Der Deutsche Frauenrat kritisiert das Asylpaket in einem Brief an CDU und SPD: „Es kann nicht sein, dass man sich über die sexualisierten Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten empört, über Folgemaßnahmen diskutiert, aber die tägliche Gewalt an geflüchteten Frauen nicht thematisiert und einfach weiter geschehen lässt.“

Viele Fälle bleiben unbekannt

Problematisch sei, dass viele Fälle von Gewalttaten an geflüchtete Frauen nicht bekannt werden, so Elizabeth Ngari, Gründerin der Initiative Women in Exile. Über die Vorfälle werde oft nicht gesprochen – aus Sorge, dadurch könne ihr Aufenthaltsstatus bedroht werden, sagt die Sozialpädagogin Nivedita Prasad. Women in Exile berichtet in einem offenen Brief außerdem über die fehlende Sensibilität von Polizeibehörden. Nach den Übergriffen an Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015 hätte die Polizei Großeinsätze in deutschen Flüchtlingsheimen gestartet. Ihre Präsenz und Aufforderung, dass Betroffene sofort aussagen sollten, habe ein Klima der Angst erzeugt, so Women in Exile. Der Deutsche Frauenrat kämpft dafür, dass geflüchtete Frauen, die Opfer von Gewalttaten sind, nicht auf ihren Opferstatus reduziert werden, sondern mit Respekt für ihre Stärke, Ausdauer und Verantwortung begegnet werden. 

Über Frauen auf der Flucht lest ihr außerdem in "Frauenleben ohne Wert?" und in "Aufgeben ist keine Alternative". Informationen zu Kindern auf der Flucht findet ihr hier.

Nil Idil Çakmak
26 Jahre, Leipzig
... findet, dass wir endlich handeln müssen.

Projektpartner