Auf der Suche nach Heimat

Die Bayreuther Altstadt

Es riecht modrig, die Raumtemperatur beträgt mindestens 28 Grad. Auf dem löchrigen PVC-Fußboden liegen Spielzeugautos und Kuscheltiere, die ein etwa vierjähriger Junge ununterbrochen durch den kleinen Raum wirft. Seit einer Woche lebt die dreiköpfige Familie Jasim* in der Flüchtlingsunterkunft in Bayreuth. Das irakische Ehepaar erklärt: „Heimat ist für uns Frieden und Sicherheit.“ Das muss nicht immer ortsbezogen sein. Familie Jasim kann sich auch vorstellen, in einem anderen Land heimisch zu werden. Hauptsache kein Krieg.

In den letzten Monaten wurde viel über Heimat geredet – aber was bedeutet der Begriff eigentlich? „Heimat“ kommt von dem germanischen Wort „Heim“, was „Wohnplatz“ oder „Haus“ bedeutet. Es bezieht sich damit auf den aktuellen Wohnort, wird aber häufig mit dem Herkunftsort gleichgesetzt. „In anderen Ländern gibt es den Begriff Heimat nicht“, erklärt Georg Kamphausen, Professor für Soziologie an der Universität Bayreuth. Beispielsweise existiere im Englischen keine richtige Übersetzung für das Wort.

Heimat ist Sicherheit

Den Zusammenhang zwischen Heimat und dem Wunsch nach Frieden, wie ihn Familie Jasim ausdrückt, bestätigt auch Kamphausen: „Der Heimatbegriff ist vor allem für den Flüchtling graduell. Für einen Kriegsflüchtling ist die Sicherheit primär. Ihm ist es egal, in welcher Region von Deutschland er ist. Er will anerkannt sein, eine Arbeit finden und mit seiner Familie leben können.“ Dagegen hätten Deutsche, die innerhalb des Landes umziehen, manchmal Probleme, sich in einer neuen Region einzuleben.

Maria* ist gebürtige Rheinländerin und lebt mit ihrem Ehemann, der aus Augsburg kommt, seit mehreren Jahren in Oberfranken. Trotzdem fühlen sie sich hier nicht angekommen: „Meine Heimat ist mein Geburtsort“, meint Maria. „Ich habe immer noch emotionale Bindungen dorthin.“ Die regionale Zugehörigkeit innerhalb Deutschlands sei eng mit der Geburtsstätte verbunden, meint auch Georg Kamphausen. Das gelte allerdings vor allem für den ländlichen Raum. Städte seien eher multikulturell geprägt. Laut Münchner Stadtportal hat die Landeshauptstadt Bayerns mit 24,6 Prozent sogar den höchsten Ausländeranteil ganz Deutschlands. Bayreuth hingegen ist eine Kleinstadt, aber dennoch ein sehr toleranter Ort, an dem sich Familie Jasim gut aufgehoben fühlt.  

Nicht immer nur ein Ort

Heimat muss aber nicht unbedingt ortsbezogen sein, sie lässt sich auch mit Kindheit oder Familie assoziieren. Herbert Grönemeyer hat bereits 2000 in seinem Song Heimat diese emotionale Komponente in den Vordergrund gestellt: „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl.“ Das bestätigt auch Maria: „Bayreuth ist nicht unsere Heimat geworden, es hat einfach nicht unser Herz erreicht.“ Manchmal kann das sogar romantisierend wirken, erklärt Georg Kamphausen. Viele Menschen verbänden den Begriff mit Bilderbuchszenen von grünen Wiesen und Kühen auf der Weide – also einer ländlichen Idylle. Doch das ist nicht alles: „Heimat ist das, was man im Herzen trägt, was man liebt, was man wertschätzt, was man für wichtig hält.“  

Wichtig für Familie Jasim ist momentan vor allem die Integration in die deutsche Gesellschaft. Im Irak verdiente der Vater sein Geld als IT-Professor. Nun lebt er mit Frau und Sohn in einem schmalen Zimmer, mit zwei Stockbetten und einen kleinen Schrank – eigenen Besitz haben die drei kaum. Die Eltern wünschen sich, dass ihr Junge in den Kindergarten gehen kann. Herr Jasim betont immer wieder: „Wenn ich hier Arbeit und Freunde finde, fühle ich mich wohl. Deutschland ist unsere neue Heimat.“

*Name von der Redaktion geändert

Warum eine syrische Familie ihre Heimat so vermisst, dass sie trotz des Krieges zurückkehren will, erzählt Mohammed Swed

Anne-Sophie Göbel
17 Jahre, Selb
... findet, dass Heimat überall auf der Welt sein kann, solange gute Freund*innen dort sind.

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