Aufgeben ist keine Alternative

Zara* sagt, sie habe eigentlich schon viel zu viel durchgemacht. In dem Gemeinschaftsraum eines Frauenflüchtlingshauses erzählt sie von ihrem Kampf um den unbefristeten Aufenthalt in Deutschland und von der Sorge um ihre Kinder.

Anfang 2000 floh Zara mit ihrem damaligen Mann und Sohn von Tschetschenien nach Deutschland. In ihrer Heimat tobte der Zweite Tschetschenienkrieg, ihr Mann war Soldat. Als ihnen klar wurde, dass sie die Heimat verlassen mussten, um zu überleben, verkauften sie ihr Hab und Gut und setzten sich in einen Bus.

„Wir hatten wirklich Angst“

In Deutschland angekommen, trafen Zara und ihre Familie einen Afghanen, dem sie ihre Geschichte erzählten. Er sah die frische Kriegswunde von Zaras Mann und warnte die Familie davor, ihre wahren Asylgründe zu nennen. Die Deutschen könnten denken, Zaras Mann sei Terrorist. „Wir hatten wirklich Angst“, erzählt Zara. Die Familie wusste nicht, mit welchen Konsequenzen sie zu rechnen hätte und verschwieg ihre wahren Asylgründe. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, die Familie lediglich geduldet. Während Zara von ihrem Leben erzählt, schaut sie oft ins Leere. Sie sagt, dass sie ein Mensch sei, der nicht alles erzähle. Sie weine auch nicht gerne, damit andere Menschen nicht denken, dass sie eine schwache Frau ist.

Damit die Familie nicht kaputt geht

In den zehn Jahren, in den Zara und ihre Familie geduldet wurden, durften sie in eine Wohnung ziehen. Anfangs habe sie sich in Deutschland wohlgefühlt. Zara hatte noch eine Tochter geboren und Freunde gefunden. Ihr Mann aber wurde zunehmend strenger bezüglich der Religion. Er setzte sie unter Druck, erzählt Zara. Sie musste sich verschleiern. Während sie darüber spricht, verschränkt sie ihre Hände, an denen sie mehrere Ringe trägt. Lächelnd erzählt sie: „ich habe trotzdem immer passende Kleidung angezogen und viele haben mir Komplimente gemacht.“ Zara glaube an Gott, aber das Tragen eines Kopftuchs müsse vom Herzen kommen. Bei ihr sei das nicht so. Dennoch habe sie es lange getragen, damit ihre Familie nicht kaputt gehe. Bis sie sich von ihrem Mann scheiden ließ.

„Du wirst eh abgeschoben“

Nach der Trennung von ihrem Exmann war Zara bei einem Sachbearbeiter bei der Ausländerbehörde: „Das war ein Mann, der mein Leben komplett zerstört hat. Ich musste unterschreiben, dass ich freiwillig nach Hause will. Er meinte, deine Kinder sind auch nur geduldet und werden bald abgeschoben. Deswegen ist es egal, ob du jetzt unterschreibst oder nicht.“ Zara sei allein und sehr gestresst gewesen, ihr Exmann habe ihr den Kontakt zu ihren Kindern verwehrt. Sie unterschrieb die Papiere und realisiert wenig später die Folgen: „Dann hat die ganze Hölle angefangen mit dem Statuskreislauf.“ Zara ging erst zurück nach Tschetschenien und reiste dann illegal nach Deutschland. Ihr Mann und ihre Kinder hätten derweil den unbefristeten Aufenthaltstitel bekommen. Zara atmet schwermütig aus. Um sich in Deutschland frei zu bewegen, musste sie sich gefälschte Papiere besorgen. Wie sie an die Papiere gekommen ist, erzählt sie nicht. Aber nachdem heraus kam, dass sie illegal in Deutschland war, folgte auf den ersten und zweiten, der dritte Suizidversuch – Zara wollte nicht abgeschoben werden. Sie bekam Hilfe und ihr Zustand verbesserte sich.

Tschetschenien ist längst keine Heimat mehr

Aufgeben sei keine Alternative für Zara – und Tschetschenien längst keine Heimat. Dort habe sie niemanden mehr, dürfe sich nicht frei bewegen, nicht tragen, was sie wolle. Zara möchte in Deutschland bleiben, auch ihrer Kinder wegen. Vor einem Jahr hatte sie noch heimlich Kontakt zu ihnen, bis ihr Exmann davon erfuhr. „Ich habe wirklich Angst vor meinem Ex-Mann“, sagt sie. Es sei schwierig für Zara, ohne einen Aufenthaltsstatus um ihre Kinder zu kämpfen. Sie habe deshalb erneut einen Asylantrag gestellt. Ob es dieses Mal klappt, wisse sie nicht, aber aufgeben komme nicht infrage.

*Name von der Redaktion geändert

Über die Gefahren von Frauen auf der Flucht lest ihr auch in "Angst als ständige Begleiterin" und "Frauenleben ohne Wert?"

 

Nil Idil Çakmak
26 Jahre, Leipzig
... fordert dass Geflüchtete über ihre Rechte aufgeklärt werden.

Projektpartner