Brauch ich Meinung, geh ich Facebook

„Jeden Monat 1.004,50 Euro in bar auf die Hand – für’s Nichtstun. Noch Fragen?“ 2.207 Personen gefällt das und 8.130 haben es geteilt.  So steht es auf der Facebook-Seite von Aufwachen Deutschland. Gefälscht ist dieser Bescheid des Landkreises Rostock nicht, er ist echt. Dass das Geld aber nicht nur ein*e Geflüchtete*r bekommt, sondern eine vierköpfige Bedarfsgemeinschaft, das wird verschwiegen. Dank der sozialen Netzwerke verbreiten sich solche Gerüchte schnell, egal ob von links oder rechts. Aus welcher politischen Richtung oder von welcher Organisation solche Posts ausgehen, das lassen wir mal beiseite.

Gestört Aber Geil

Informationen und Meinungen lassen sich mit nur einem einzigen Klick verbreiten, oft illustriert durch ein vermeintlich eindeutiges Foto. Eine Gruppe Männer, die auf eine am Boden liegende Person eintritt. Oder das entstellte Gesicht einer Person, die laut Bildunterschrift angeblich von Geflüchteten zusammengeschlagen oder vergewaltigt wurde. Bilder, die in jedem das Gefühl von Abscheu und Verachtung wecken. Das bringt Klicks und Likes, denn Emotionen sind ein wichtiger Faktor für die Verbreitung von Inhalten in sozialen Netzwerken.

Fühlt man sich berührt von den Bildern und Worten, ist ein Post schnell geteilt. Wenn es die eigene Meinung bestätigt, werden Quelle und Wahrheitsgehalt nur selten überprüft. Möglicherweise, weil daran gar kein Interesse bestehe, meint Klaus Kamps, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart: „Wir haben generell das psychologische Problem bei Menschen, dass sie sehr einstellungsresistent sind. Wenn wir uns einmal eine Meinung gebildet haben, zum Beispiel weil alle anderen dieser Meinung sind, dann halten wir solche Meinungen auch relativ lange. Auch gegen Widerstände und gegen andere Argumentationen.“ Die Verbreitung eines Posts durch starke Bildsprache und Emotionen funktioniert natürlich genauso in die andere Richtung. Hilfsorganisationen posten eher Fotos von Kindern und Familien als eine Gruppe Männer vor einer Notunterkunft.

Meine Freunde, meine Meinung

Wie ein Thema auf Facebook wahrgenommen wird, hängt davon ab, welche Seiten man gelikt hat und natürlich wie die Leute in der eigenen Freundesliste ticken. Nicht zuletzt auch beeinflusst durch das eigene Like-Verhalten. Gefallen mir viele Beiträge von Freund*innen, die sich für Menschenrechte und Asyl einsetzen, zeigt mir Facebook in Zukunft auch mehr Posts dieser Art. Denn in sozialen Netzwerken errechnet ein Algorithmus, was ich zu sehen bekomme. Er weiß, was mir gefällt, welche Meinungen und Ansichten ich „teile“ und bestätigt mich immer wieder mit ähnlichen Inhalten. „Spannend wird es, wenn es Abschottungsmechanismen gibt, also Leute in bestimmten Bereichen nur noch im Saft ihrer eigenen Meinung schmoren und gar nicht mehr mitbekommen, dass es auch andere Perspektiven auf ein und dasselbe Problem gibt“, meint Kamps.

Like mich am Arsch

Die Kombination aus Algorithmen und dem eigenen Verhalten kann in sozialen Netzwerken wie eine Scheuklappe gegenüber anderen Meinungen wirken. Ein „Gefällt mir“ ist zwar nur ein Klick im Web, beeinflusst aber ganz entscheidend die eigene Wahrnehmung. Posts im Netz setzen – allein schon wegen ihrer Kürze – auf einfache Antworten und Statements mit viel Emotion. Verallgemeinernd, prägnant und zum Teil noch nicht mal wahr, wie Plattformen wie mimikama oder Facebook-Gruppen wie Zuerst denken – dann klicken immer wieder entlarven.

Sich bei einem vielseitigen Thema wie Flucht und Migration von schlichten Argumenten leiten zu lassen, führt selten zu brauchbaren Ergebnissen. Ab und zu einen Hintergrundbericht zu lesen hilft, sich seine eigene Meinung zu bilden und nicht nur andere wiederzugeben. „Nicht alle Flüchtlinge sind kriminell oder böse. Nur, stell dir jetzt einmal eine Schale voller M&M’s vor, wovon 10 Prozent vergiftet sind. Würdest du eine Handvoll davon essen?“ GEFÄLLT MIR! Moment… Wirklich?

Ella Buchschuster hat drei besonders gängige Vorurteile über Geflüchtete einem Check unterzogen. Ihr Fazit lest ihr hier

Kevin Frisch & Talha Güzel
26 Jahre, Karlsruhe & 25 Jahre, Tübingen
… gehen lieber in Bars, als immer nur im Saft der eigenen Meinung zu schmoren.

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