Das Einmaleins der Integration

Geflüchtete in der Waldorfschule

Dreiundzwanzig Augenpaare blicken gespannt nach vorne. Sie beobachten die drei Männer, die auf Tischen vor der 7. Klasse der Waldorfschule in Frankfurt (Oder) sitzen. Sami aus Afghanistan und Nazir aus Syrien, zwei geflüchtete Männer, und Thomas Klähn von der Initiative Vielfalt statt Einfalt e.V. beantworten geduldig alle Fragen. Von Schicksalen wie den ihren erfährt man nahezu täglich aus Tageszeitungen oder Magazinen. Was allerdings davon bei Kindern und Jugendlichen ankommt, gerät häufig aus dem Blick. Dabei ist es gerade wichtig, ihnen freiheitliche und demokratische Grundsätze mitzugeben und ein realistisches Bild der geflüchteten Menschen zu zeichnen. „Kinder sind noch nicht durch Vorurteile geprägt, sind offen und neugierig und haben zudem die Chance, das Weltbild ihrer Eltern zu beeinflussen“, meint Klähn.

Eine der vielen Aktionen von Vielfalt statt Einfalt e.V. ist das im Mai 2015 gestartete Schulprojekt „50 Millionen Flüchtlinge – 50 Millionen Schicksale“. Teilnehmen können Schulgruppen ab der 4. Klasse, mit denen Thomas Klähn zunächst ein allgemeines Gespräch über Flucht und Migration führt. Am selben Tag noch bekommen die Schüler*innen die Gelegenheit, geflüchtete Menschen persönlich kennenzulernen und sich mit ihren Fragen direkt an sie zu wenden. „Das Interesse ist groß und die Unterrichtseinheit meistens viel zu kurz“, erzählt Klähn stolz.  

Wie war die Flucht so?

Auch heute stellen die Schüler*innen Fragen über Fragen. Vor allem über Religion, da der Besuch im Rahmen des Religionsunterrichtes stattfindet. Dass sich Muslime vor jedem Gebet – fünfmal am Tag – unter fließendem Wasser waschen müssen, ist für die Kinder unvorstellbar. „Und was haben Sie auf der Flucht gemacht?“, will ein Junge wissen. Nazir lächelt und gibt zu: „Es gab ja Flüsse. Aber das Beten war mehr eine Rast und Besinnung.“ Die Flucht – ein tiefschürfendes Thema, an das sich die Heranwachsenden dennoch wagen. Ein Schüler stellt die Frage nach den Transportmitteln, woraufhin er Antworten bekommt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Nazir, der „komfortabel Reisende“, floh für eine beträchtliche Summe mit dem Flugzeug. Sami, der „Fußgänger“, konnte erst ab Österreich mit dem Zug reisen.

Die Schüler*innen der Waldorfschule sind in einer besonderen Situation, denn seit zwei Wochen lernen sie gemeinsam mit einem afghanischen Jungen, der ganz alleine nach Deutschland geflüchtet ist. Sie sind sehr darum bemüht, ihn in ihre Gemeinschaft zu integrieren, ohne ihm dabei zu nahe zu treten. Da er heute nicht anwesend ist, stellen die Schüler*innen konkrete Fragen, wie sie ihm helfen können. „Gebt ihm Zeit!“, lautet der wichtigste Ratschlag, den Sami, Nazir und Klähn ihnen geben können.     

Vorreiter der Integration

Zeit geben, das würde Ralf Unglaube seinen neuen Schützlingen auch gerne. Er ist Schulleiter der Grundschule im Frankfurter Stadtteil Neuberesinchen und hat Anfang Februar die erste „Vorbereitungsklasse“ eingerichtet. Sie wird von zehn syrischen, vier afghanischen und einem tschetschenischen Kind im Alter von sieben bis 13 Jahren besucht. Zunächst ist geplant, dass sie gemeinsam ein halbes Jahr lang täglich drei Schulstunden Deutsch lernen. Dazu kommen eine weitere Schulstunde in Mathematik oder je nach Möglichkeit in Kunst. Laut dem Brandenburger Bildungsministerium gab es im Februar dieses Jahres landesweit rund 4.000 geflüchtete schulpflichtige Kinder, doch längst nicht ausreichend Lehrpersonal.

Schulleiter Ralf Unglaube ist auf dem Gebiet der Integration in der Grundschule ein Vorreiter. Sein langfristiges Ziel ist eine Eingliederung der geflüchteten Schüler*innen in reguläre Klassen: „Das Problem dabei ist, dass wir einen Kompromiss finden müssen zwischen dem Alter der Kinder und ihrem Kenntnisstand“, erklärt Unglaube. „Auf dem Schulhof kommen sie aber bereits mit den anderen Kindern in Kontakt. Neugier besteht auf beiden Seiten – da müssen wir Erwachsenen uns überhaupt nicht einmischen.“

Wie geflüchtete Kinder in einer Waldorf-Schule im Saarland integriert werden, könnt ihr hier nachlesen. Wer diese Schulen aussucht, hat sich Maximilian Gerhards gefragt. 

Rachel Calé
19 Jahre, Greifswald
... arbeitete selbst ein halbes Jahr als Integrationshelferin an einer Schule.

Projektpartner