Das Schicksal der Jesid*innen

Die Jesid*innen gehören zu den ältesten Völkern des Zweistromlandes, das in Vorderasien liegt und von den Flüssen Euphrat und Tigris begrenzt wird. Ihre Geschichte beginnt vor tausenden von Jahren – viele verfolgen sie bis auf Adam und Eva zurück. Die Jesid*innen gehören zur indigenen Bevölkerung Syriens und des Irak, wobei die Mehrheit von ihnen um Mossul und in den Bergen um Sindschar lebt. Kleinere Gruppen leben außerdem in der Türkei, in Georgien und Armenien. Ethnisch gesehen gehören die Jesid*innen zu den indoeuropäischen Völkern.

Die Mehrheit der Jesid*innen spricht Kurmandschi, das auch als Nordkurdisch bezeichnet wird. Ein anderer Teil, insbesondere im Raum Mossul, spricht Arabisch. In der Forschung geht man davon aus, dass der jesidische Glaube von altbabylonischen Religionen abstammt. Gebete und religiöse Praktiken finden überwiegend auf Kurmandschi statt. Das Zentrum der jesidischen Religion ist Lalisch im Nordirak, wo der heilige Schrein Adi ibn Musafirs liegt. Die Jesid*innen beten in Richtung der Sonne, die als die größte Schöpfung Gottes gilt. Außerdem glauben sie an die Wiedergeburt der Seelen und an sieben Engel. Missioniert wird nicht, da man nicht zum Jesidentum übertreten kann, sondern in diese Religion und Nationalität hineingeboren wird. 

Verfolgung und Ausrottung

Die jesidische Geschichtsschreibung zählt 74 Pogrome, in deren Verlauf die Jesid*innen wegen ihrer Religion, Kultur und Bräuche verfolgt und ermordet wurden. Besonders seit Beginn des 21. Jahrhunderts häufen sich die Angriffe im Irak und in anderen Siedlungsgebieten. Schon am 22. April 2007 wurden jesidische Arbeiter in Bashiqa und Bahsani im Nordirak ermordet. Die dort ansässigen Student*innen, Professor*innen und Familien wurden von Terrorgruppen vertrieben. Am 14. August 2007 wurden gezielt Anschläge auf die Dörfer Al-Qahtaniya und Al-Adnaniya in der Nähe von Sindschar verübt. Tausende Jesid*innen wurden verletzt oder getötet – der „Anschlag von Sindschar“ gilt heute nach dem 11. September 2001 als tödlichster Terroranschlag der neueren Geschichte.

Am 14. Februar 2014 griffen extremistische Islamisten jesidische Heiligtümer an und zerstörten die vollständig. Gleiches geschah mit den Wohnhäusern und dem Besitz der Jesid*innen. Eines der größten Massaker jedoch wurde verübt, als der Islamische Staat (IS) am 3. August 2014 in den Sindschar-Bergen einfiel. Im Zuge der Invasion wurden 8.000 jesidische Männer, Frauen und Kinder verschleppt oder getötet. Die Machthaber in der Region und die internationale Gemeinschaft begnügten sich damit zu schweigen. Auch knapp zwei Jahre später, so das „Büro für die Angelegenheiten der Jesiden im Irak“ in Dohuk, leiden die Jesid*innen noch immer: Tausende leben in Gefangenschaft und viele Frauen begingen Selbstmord, um sexuellen Übergriffen zu entgehen. Rund 1.800 junge Männer wurden vom IS gezwungen, zum Islam überzutreten und eine Ausbildung zum Terroristen zu durchlaufen. So werden sie zu tickenden Zeitbomben. Wegen all dieser Geschehnisse haben die Jesid*innen jegliche Hoffnung und jegliches Vertrauen verloren.

Die UN muss handeln

Die geflüchteten Jesid*innen in der Türkei und in den kurdischen Autonomiegebieten leben unter extrem schwierigen Bedingungen. In einigen Flüchtlingslagern gab es Tote durch Unfälle, Kälte und chronische Krankheiten. Es fehlt an medizinischen Behandlungsmöglichkeiten. Die Verzweiflung treibt einige Jesid*innen bis zum Selbstmord. Deshalb entscheiden sich viele für die Flucht nach Europa und nehmen erneut Todesgefahren in Kauf, um Sicherheit und ein Leben in Würde und Menschlichkeit für sich und ihre Familien zu finden.

Die Jesid*innen fordern von der UN, dem Sicherheitsrat und den USA:

  • Schutz durch die internationale Gemeinschaft und die Einrichtung einer regionalen Sicherheitszone
  • Anerkennung des Völkermords an den Jesid*innen im Irak und in Syrien
  • Befreiung der Gefangenen des IS
  • Beendigung der ethnischen Säuberungen durch Terrorgruppen

Übersetzung aus dem Arabischen: Dr. René Wildangel

Mehr über die Situation von Zivilist*innen in Syrien und dem Irak lest ihr hier

Matto Shebo
26 Jahre, Sindschar
... will, dass die Deutschen die Wahrheit über die Jesid*innen erfahren.

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