Der Adler verlässt den Horst

Der Fall Albanien

Im Jahr 2012 belegte Albanien im Korruptionsindex von Transparency International Platz 113 von 174. Wenn man die Korruption im Rest Europas betrachtet, schnitt Albanien ziemlich miserabel ab. 2013 wurde eine neue Regierung gewählt und zwei Jahre später belegte Albanien Platz 88 von 167. Viel besser ist das nicht. Undurchsichtige, hierarchische Strukturen gibt es im Land des zweiköpfigen Adlers in jedem Bereich: in der Politik, im Bildungssektor und bei der medizinischen Versorgung.

So gelten beispielsweise viele Krankheiten in Albanien als „unheilbar“, weil die Ausstattung von Krankenhäusern und Pflegestationen so schlecht ist. Auch sind viele Ärzt*innen und Pflegekräfte schlecht ausgebildet. Selbst wenn man in albanischen Krankenhäusern nicht die Behandlung bekommt, die man braucht, muss man Fachärzt*innen hohe Summen in bar bezahlen. Eine unzureichende Behandlung wird meistens mit beliebigen Gründen gerechtfertigt.

Keine Arbeit, keine Zukunft

Auch auf dem Arbeitsmarkt sieht es nicht besser aus, denn es gibt nur sehr wenige Jobangebote. In Albanien gibt es weder eine Arbeitsagentur noch Investor*innen, die die Wirtschaft des Landes ankurbeln könnten. Viele Albaner*innen verlassen daher ihr Land, um anderswo einen Job zu finden und ihre Familie versorgen zu können.

Ein weiteres Problem ist die schlechte Sicherheitslage. Jeden Tag wird in den Nachrichten von Tötungsdelikten berichtet, die nie aufgeklärt werden. Vor allem Drogen- und Waffenkriminalität machen Albanien zu schaffen. Terroranschläge am helllichten Tag sind keine Seltenheit. Wie soll ein Land, das derart außer Kontrolle ist, der EU beitreten?

Ein Rechtsstaat existiert nicht

Die Justiz sollte ja eigentlich die unbestechlichste Einrichtung eines Landes sein. In Deutschland lernt man schon in der ersten Klasse, dass alle Bürger*innen gleich vor dem Gesetz sind. In Albanien jedoch träumt keiner von so etwas. Besonders Staatsanwält*innen und Richter*innen nehmen häufig Bestechungsgelder und stellen ihren Reichtum zur Schau.

Aus all diesen Gründen flüchten Albaner*innen in andere Länder. Sie ziehen fort in der Hoffnung, dass ihr Heimatland eines Tages so wird, wie sie sich das als Kind erträumt haben. Warum nur hat die EU entschieden, dass Albanien ein „sicheres Herkunftsland“ ist? Sollten die Zuständigen nicht zuerst die Albaner*innen fragen? Auch sie haben ihr Hab und Gut verkauft, um ihre Flucht zu finanzieren – genauso wie viele andere Geflüchtete. Und auch in Albanien wird Krieg geführt: ein leiser Überlebenskrieg, ein Nahrungsmittelkrieg, ein Schutzkrieg.

Neuanfang im Minus

Wenn es nach den Verantwortlichen auf EU-Ebene geht, müssen alle Albaner*innen in ihr Heimatland zurückkehren. Doch dort würde ihre Geschichte nicht bei Null anfangen, sondern im Minus. Besonders für junge Menschen, die mehrere Jahre in Deutschland gelebt haben, hier zur Schule gegangen sind und sich integriert haben, ist die Abschiebung eine Katastrophe. Dabei hat doch jeder Mensch, der seiner Heimat den Rücken kehrt, gute Gründe dafür. Ein Adler verlässt niemals seinen Horst – so sagt man zumindest. Warum tun das dann so viele Albaner*innen trotzdem?  

Wie sich Albaner*innen in Dortmund im Sportverein integrieren, lest ihr hier. Von der schwierigen Lage albanischer Roma berichtet Verena Kensbock

Redis Kaso
17 Jahre, Tirana
... will in Deutschland die Chance bekommen, ein gutes Studium zu absolvieren.

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