Der Flug der Schwalbe

Geflüchtete Afghan*innen im Iran

Vielleicht denken viele Europäer*innen, dass der Iran ein wirtschaftlich unabhängiges Land sei, in dem die meisten Schiit*innen Asiens leben. Über den Umgang des iranischen Staats mit afghanischen Geflüchteten wird in den westlichen Medien selten oder nur farblos berichtet. Im Iran ist das nicht anders. Wenn Europäer*innen von afghanischen Geflüchteten hören, sind sie meist sehr neugierig und haben wegen ihres großen Unwissens viele Fragen.

Im Iran leben afghanische Geflüchtete in Unterkünften in fünf Städten: in Teheran, Shiras, Isfahan, Maschhad und Ghom. Es gibt zwei Kategorien Geflüchteter:

  1. Mit Aufenthaltsgenehmigung

  2. Ohne Aufenthaltsgenehmigung

Afghanische Geflüchtete mit Aufenthaltsgenehmigung leben nach folgenden Gesetzen:

  1. Sie haben kein Recht auf politische Mitbestimmung bei den Angelegenheiten des Landes.
  2. Sie haben ein Recht auf Schulbesuch bis zur Hochschulreife. Für afghanische Geflüchtete sind die Schulgebühren viel höher als für Iraner*innen.
  3. Sie dürfen nicht einfach so in andere Städte reisen. Wenn Geflüchtete eine andere Stadt besuchen wollen, müssen sie bei der Ausländerbehörde eine kostenpflichtige Reiserlaubnis beantragen.
  4. Sie dürfen keine Städte besuchen, die an den iranischen Landesgrenzen liegen.
  5. Sie dürfen kein Eigentum, wie z.B. ein Haus oder ein Auto, haben und auch keine Handy-SIM-Karte besitzen.
  6. Sie dürfen kein Bankkonto eröffnen.
  7. Sie dürfen nicht mit dem Motorrad oder Auto fahren.
  8. Volljährige brauchen einen speziellen Ausweis, wenn sie arbeiten wollen. Der ist sehr teuer.
  9. Dieser Ausweis muss jährlich verlängert und neu bezahlt werden. Wer das nicht tut, wird bestraft.
  10. Sie können keine Krankenversicherung abschließen. Auch am Arbeitsplatz haben sie keinen Versicherungsschutz.
  11. Sie dürfen nur Knochenarbeit verrichten, haben keine soziale Absicherung und nur ein kleines Einkommen, z.B. durch Baustellenjobs.
  12. Qualifizierte Fachkräfte dürfen keiner selbstständigen Tätigkeit nachgehen. Wenn jemand das trotzdem tut, wird das Geschäft oder Unternehmen geschlossen.
  13. Die Eheschließung zwischen Iraner*innen und afghanischen Geflüchteten ist verboten.

Afghanische Geflüchtete ohne Aufenthaltsgenehmigung können sich überhaupt kein Leben im Iran einrichten:

  1. Wenn die staatlichen Behörden bemerken, dass sie arbeiten oder einen Ausweis besitzen, werden sie sofort abgeschoben.
  2. Viele werden von der Regierung Irans in den Krieg nach Syrien geschickt, um den schiitischen Schrein Zainab bint Alis in Damaskus zu verteidigen. Manchen wird eine Aufenthaltsgenehmigung und mehr versprochen, andere werden dazu gezwungen.
  3. Familien ohne Aufenthaltsgenehmigung können ihre Kinder nicht in öffentliche Schulen schicken, sondern nur in Einrichtungen speziell für Geflüchtete, die als „afghanische Schulen“ bekannt sind. Diese sind in desolatem Zustand. Viele afghanische Lehrer*innen haben sehr wenig Berufserfahrung. Schulbücher gibt es auf nur Persisch und nicht in anderen afghanischen Sprachen.
  4. Wenn Geflüchtete ohne Aufenthaltserlaubnis ein Kind bekommen, erhält es ebenfalls keine gültigen Papiere.

Ein unmögliches Zusammenleben

Die Beziehungen zwischen Iraner*innen und afghanischen Geflüchteten sind teils gut, teils schlecht, wobei die negativen überwiegen. Viele Iraner*innen wollen nicht, dass afghanische Geflüchtete einen Vorteil in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Wissenschaft haben. Sie wollen, dass die Afghan*innen abhängig von ihnen sind. Iraner*innen lachen häufig über Afghan*innen. Rassismus ist im Iran weit verbreitet.

Junge Afghanen dürfen keine schicke und moderne Kleidung tragen. Afghanische Mädchen müssen ihre Haare bedecken – iranische Mädchen haben mehr Freiheiten. Wenn Afghan*innen von der Polizei mit anderer Kleidung erwischt werden, ist die Bestrafung wegen Verstoß gegen die Vorschriften die gleiche wie für Iraner*innen. Afghanische Jungen werden hinsichtlich ihrer Kleidung nicht nur von der Polizei, sondern auch von iranischen Männern belästigt.

Aus diesem Grund haben junge afghanische Geflüchtete, die aus dem Iran nach Europa kommen, häufig psychische Probleme. Dabei wollen sie doch nur an einem Ort leben, an dem sie frei sein und ihre Meinung äußern können. Nur dadurch werden ihre Probleme weniger.

Übersetzung aus dem Persischen: Ali Abedi

Mehr zur aktuellen Lage in Afghanistan findet ihr hier. Wenn ihr persisch sprecht, könnt ihr den Originaltext hier herunterladen: 

PDF iconmohammad_ghasimi_der_flug_der_schwalbe_persisch.pdf

Mohammad Ghasimi
17 Jahre, Afghanistan
... freut sich, dass er in Deutschland frei denken kann.

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