Deutschland mit anderen Augen

Blick auf Stuttgart

Die Stuttgarter Fußgängerzone ist belebt und die Geschäfte sind gut besucht. Pärchen schlendern Händchen haltend der Sonne entgegen und Kinder spielen mit dem weißen, noch liegen gebliebenen Schnee. Auch Lama, eine junge Frau, ist hier unterwegs. Sie trägt ein Kopftuch und ist schön geschminkt. Die Syrerin floh vor dem Krieg aus Damaskus, sie wünschte sich nichts mehr als Frieden und eine sichere Zukunft. Ihre positiven Erwartungen haben sich bestätigt: „In Deutschland sind alle Leute nett. Jeder lächelt dich an.“ Die ersten Worte, die Lama lernte, waren „hallo“ und „ich liebe dich“.

Doch diese positiven Erfahrungen werden nicht von allen geteilt. Dirtan aus Albanien nimmt die Situation anders wahr. Syrische Geflüchtete seien willkommen, albanische allerdings nicht, kritisiert er. Auch David aus Afghanistan spürt die Ausgrenzung im Alltag: „Wir sind Ausländer.“ Dabei zeigt er auf seinen Kopf: „Dunkle Haare sind schlecht. Aber ich bin ein Mensch – also müssen wir alle die gleichen Rechte haben. In Afghanistan, Amerika oder Europa.“

Stuttgart ist multikulti

Im Gegensatz dazu erlebt Almujabber aus Syrien Deutschland als überaus gastfreundlich. Er ist Christ und floh vor Diskriminierung und Krieg. Nun lebt er in Stuttgart und ist zufrieden. Deutschland findet er „ordentlich, gut organisiert und hochentwickelt.“ Gerade in Stuttgart ist der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung im Vergleich zu anderen Städten besonders hoch. Ende 2014 lag er laut des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg bei 22,8 Prozent. Seit vielen Jahren kommen hier die unterschiedlichsten Kulturen zusammen. Und das scheint kein Problem zu sein – im Gegenteil: Die Bevölkerung wirkt offen und hilfsbereit. Es fällt leicht, mit fremden Personen ins Gespräch zu kommen.

Doch bevor Einwander*innen in Deutschland erfolgreich Fuß fassen können, ist es oft ein langer Weg. Probleme tauchen zum Beispiel bei der Anerkennung von Schul- oder Arbeitszeugnissen auf. Igorma aus Nigeria lebt seit 2006 in Deutschland und bemängelt diesen Zustand. Auch Cindy, deren Familie aus Russland kommt, berichtet von Problemen. Ihr Vater war sich sicher, dass Deutschland ein gutes Land zum Leben und Arbeiten sei. Sein Universitätsabschluss wurde hier aber nicht anerkannt.

Von Verfolgung zum Erfolg

Auch politische und religiöse Verfolgung sind Gründe dafür, sein Heimatland zu verlassen. Mehdi drohte im Iran eine Gefängnisstrafe, da er ein politisch und religiös motiviertes Buch geschrieben hatte. In Stuttgart, wo er mittlerweile lebt, hat er nun einen Termin mit einem Verlag. Vor dem Pavillon am Schlossplatz schießt eine Gruppe mittelälterer Männer ein Foto. Auch sie mussten aus Syrien fliehen und leben nun seit drei Monaten hier. Die Deutschen beschreiben sie als „sehr gute Menschen“. Die ersten Worte, die sie gelernt hätten, seien „danke schön“ und „bitte schön“. Wie es in jedem Land eben üblich ist.

Stuttgart ist eine Multikulti-Stadt. Das bedeutet, neugierig und offen zu sein, Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind, und das gemeinsame Miteinander zu fördern. Doch gerade jetzt lernt man im wohl organisierten Baden-Württemberg, dass man auch mal etwas Neues versuchen muss. Geflüchtete berichten überwiegend von lächelnden und warmherzigen Menschen. Auch wenn wir Deutschen uns selbst nicht so charakterisieren würden, wäre es vielleicht an der Zeit, dieses Kapitel weiterzuschreiben. 

Wie anders Rahmanullah, ein junger Afghane, Deutschland wahrnimmt, könnt ihr euch in seiner Fotostrecke anschauen. 

Victoria Enzenauer & Mateen & Barbara Kling
20 Jahre, Düsseldorf & 15 Jahre, Damaskus & 25 Jahre, Stuttgart
... gehören alle einer anderen Religion an und sprechen insgesamt zehn verschiedene Sprachen.

Projektpartner