In die Armut geboren

Roma in Dortmund

Emra ist ein Rom. Der kleine Mann mit dem akkurat gestutzten Bart kam vor acht Monaten aus Albanien nach Deutschland. Heute lebt er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in Bonn in einer Sozialwohnung. Über sein früheres Leben spricht der 22-Jährige nicht gerne. Er ist geflohen, um der Armut und dem Hass zu entkommen. Missverständnisse und Vorurteile verfolgen die Minderheit, der seine Familie und er angehören, schon lange. Alleine der Doppelbegriff Sinti und Roma sei falsch, sagt Michael Schäfer vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma NRW: „Sinti sind Deutsche. Sie leben seit 600 Jahren in diesem Land“, erklärt Schäfer. Der Begriff „Roma“ hingegen umfasse alle Gruppen außerhalb des deutschen Sprachraums. 

Die Vorfahr*innen der Roma stammen aus Indien und wanderten ab dem 8. Jahrhundert in Richtung Persien, seit dem 13. Jahrhundert dann nach Europa. Viele von ihnen leben heute in Ungarn, Bulgarien, Rumänien und auf dem Balkan. Sie sprechen ihre eigene Sprache, Romani, die auf dem altindischen Sanskrit basiert. Die Roma haben eine Flagge und eine Hymne – aber sie haben keine Heimat. Wie viele von ihnen heute in Deutschland leben? Zahlen gibt es nicht, denn die ethnische Zugehörigkeit wird in Deutschland nicht erfasst. Nach Schätzungen des Landesverbands leben in NRW rund 35.000 Sinti und Roma mit deutschem Pass. Auf ganz Europa verteilen sich laut Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) knapp 12 Millionen.

Keine Chance auf nichts

Seit 2007 dürfen Rumän*innen und Bulgar*innen als EU-Bürger*innen in allen anderen EU-Mitgliedsländern leben und arbeiten. Auf diesem Weg kommen auch viele Roma nach Deutschland. Andere, die wie Emra aus dem EU-Ausland kommen, ziehen illegal nach Deutschland und beantragen hier Asyl. „In ihren Herkunftsländern sind sie oft vom gesellschaftlichen und politischen Leben ausgegrenzt“, meint Michael Schäfer. Sie lebten abgeschottet in eigenen Dörfern oder Vierteln, in Hütten aus Müll und Plastik. Ohne Chance auf Bildung, Arbeit, Einkommen. In Albanien hielt sich Emra als Tagelöhner mit kleinen Jobs über Wasser, arbeitete schwarz, vertickte Metall. Oft nicht länger als einen Tag, bis die nächste Arbeit kam – oder auch nicht.

Eine Studie der EU aus dem Jahr 2011 fasst das Elend der Roma in Zahlen: In den zwei Jahren vor der Umfrage hatten nur 10 Prozent der Minderheit in Rumänien dauerhaft Arbeit – rund die Hälfte war arbeitslos. Schnell sickert die Armut in alle anderen Lebensbereiche: Nur jede*r zweite Roma hat eine Krankenversicherung, nur jeder dritte Haushalt hat fließendes Wasser, die wenigsten haben eine Toilette. Fast 23 Prozent der Romakinder gehen nicht zur Schule, nur die Hälfte schafft es bis zur achten Klasse. In seinem Dorf durfte Emra die Schule gar nicht besuchen, er kann bis heute nicht lesen und schreiben. Die Armut wird den Roma in die Wiege gelegt, sie werden in Slums geboren – mitten in Europa.

Aufbruch ohne Aussicht

Wenn das alles zusammenkommt – der Hass und die Not – liegt die Flucht nah. Emra kostete sie 1.100 Euro, die er beim Schlepper abdrücken musste. Viel zu viel, das weiß er heute. Aber Emras Cousins waren in Deutschland, erzählten ihm von den schönen Straßen und sagten, er solle kommen. „Viele Roma glauben, dass man ohne Probleme eine gute Arbeit findet, dass man schnell zu Geld kommt und Hilfe hat, wenn es nicht klappt“, sagt Michael Schäfer vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma NRW. Tatsächlich brauche es aber zwei bis drei Jahre, um Deutsch zu lernen, einen Job zu finden und in geregelten Verhältnissen zu leben.

Emra hat noch keinen Plan, wie es für ihn in Deutschland weitergeht. Hauptsache Arbeit, Hauptsache nicht zurück. Aber die Aussichten länger zu bleiben, seien für ihn gleich null, meint Michael Schäfer. Auch Romafamilien, die seit vielen Jahren in Deutschland leben, werden zurückgeschickt, denn Albanien gilt als sicheres Herkunftsland. Emras Antrag auf Asyl wird nicht bewilligt werden, das weiß er. Deshalb schiebt er den Termin für die Anhörung und Entscheidung seines Asylverfahrens immer weiter auf – in der Hoffnung, dass sein kleiner Sohn einmal die Chance haben wird, zur Schule zu gehen.

Mehr über Albanien findet ihr hier. Warum auch viele Menschen von dort flüchten, die nicht Roma sind, erklärt Redis Kaso

Verena Kensbock
25 Jahre, Essen
… hat nichts gegen Zigeunerschnitzel, will Vorurteile aber endlich vom Teller putzen.

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