Die Neuen in der Klasse

Tarek, Khalil und Mohammed* gehen wieder zur Schule. Mit ein paar anderen Jungs sitzen sie in einer kleinen Runde auf roten Sofas und reden. Deutsche Sprache ist angesagt. Sie sprechen höflich und helfen sich gegenseitig, wenn einer sich nicht ausdrücken kann. Mutig verwenden sie die ihnen noch etwas verwirrende Sprache, wechseln innerhalb von Sekunden von Englisch zu Deutsch, dann wieder zu Arabisch. "Diese hier ist die erste richtige Schule, die ich in Deutschland besuchen darf", sagt Omar*. Der 16-Jährige hat kurze blonde Locken und ist größer als die anderen. Er mag den Unterricht an seiner neuen Schule: "In Syrien waren wir 50 Schüler in einer Klasse. Fächer wie Kunst und Sport hatten wir nicht und auch weniger Zeit zum Nachdenken als hier." (Über die Unterschiede der Ausbildung in Deutschland und Syrien lest ihr hier in der Meinung unsereres Autors Bara'a Inzar.)

Omar gegenüber sitzt Khalil. Der 17-Jährige konnte in Aleppo nicht mehr zur Schule gehen, weil ständig Bomben auf seinen Schulweg fielen, erzählt er. Es ist das erste Mal seit acht Monaten, dass er wieder regelmäßig Schulunterricht hat. Bei den anderen ist es noch länger her. Der kleine Mohammed im roten Kapuzenpulli ist zwölf Jahre alt und geht in die sechste Klasse. Vor zwei Jahren kam er mit seinen Großeltern nach Deutschland, seine Eltern sind noch in der Türkei. Er fühlt sich sichtlich wohl im Kreis der Älteren. Strahlend erzählt er der Gruppe, dass er die Schule in Deutschland gar nicht anders findet als die in Syrien vor dem Krieg. Er hat in seinen ersten zwei Wochen auch schon ein paar Freund*innen gefunden.

Raus aus dem Wald

Die Jungs wohnen fast alle in einer Unterkunft in der Nähe der Schule. Es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr dorthin. Alle kamen ohne Eltern nach Deutschland und sie fühlen sich manchmal allein. Weil die Unterkunft der Geflüchteten in der Nähe liegt, gingen einige Schüler*innen Ende November hin und knüpften erste Kontakte: Unter anderem organisierte die zwölfte Klasse ein Kennenlern-Frühstück. Bald darauf holte man die Jungs abwechselnd mit dem Auto ab, spielte zusammen an der Schule Fußball oder ging auf den Weihnachtsmarkt.

Unterdessen versuchten einige Lehrer*innen, die Idee einer vollständigen Unterrichtsintegration in der Lehrer*innenkonferenz ihrer Schule durchzusetzen. Deutschlehrerin Ursula Kirchdörfer und Biologielehrer Matthias Valentin waren die Hauptinitiator*innen des Konzept. Die Schulleitung stimmte schließlich zu.

"Der Übersetzer was übersetzing falsch!"

Die jungen Geflüchteten sind sich bewusst, wie wichtig es ist, schnell Deutsch zu lernen. Etwas irritiert erinnert sich der 17-jährige Tarek an eine Situation in einer deutschen Behörde. Er verstand schon so gut Deutsch, dass er hörte, wie ein Übersetzer seine Worte verdrehte um ihn in einem seinem Empfinden nach schlechteren Licht darzustellen. "Der Übersetzer was übersetzing falsch!", berichtet er empört. Daraufhin lachen alle und auch Tarek muss schmunzeln. Dieser Tage ist er noch sehr still, doch er versteht und lernt und will in Zukunft für sich selbst sprechen können.

Das ist auch das Ziel von Mudasser. Der 16-jährige Afghane sitzt auf einem Stuhl weiter hinten in der Runde. Er spricht kein Arabisch. In der Flüchtlingsunterkunft versteht er die anderen Jungs meistens nicht. Mudasser will auch nicht auf Englisch angesprochen werden: "Nur Deutsch bitte", sagt er lächelnd. Er ging vorher noch nie zur Schule. Seit er 13 Jahre alt war, arbeitete er als Uhrenreparateur und Holzfäller. Mudasser ist sehr kräftig, er war gut in seinem Job. Das lange Sitzen in der Schule ist für ihn manchmal schwierig. Aber sein Lehrer sagt, er sei immer besonders motiviert viel zu lernen. "Schritt für Schritt", zitiert Mudasser und grinst.

Gegenseitiges Verständnis schulen

Andere Schwierigkeiten wie der Umgang zwischen Geschlechtern wurden bei allen Schüler*innen angesprochen. "Ein marokkanischer Kollege hat den syrischen Jungs den mitteleuropäischen Umgang mit Mädchen erklärt und für die Mädchen bin ich auch zum Thema kulturelle Zusammenstöße immer ansprechbar", sagt Frau Kirchdörfer. Und Herr Valentin findet: "Sowas ist ein Punkt, den wir im Auge behalten müssen, aber bisher war der Umgang immer nur herzlich und sehr höflich."

Das bestätigt auch Jonas. Der 17-Jährige hat vier Geflüchtete in seiner zwölften Klasse. "Ich finde, die neuen Jungs sollen so selbstverständlich wie möglich eingegliedert werden. Wenn Probleme auftauchen, muss man die in die Hand nehmen, ohne jetzt gleich eine große Sache draus zu machen", sagt er. Er hat die Erfahrung gemacht, dass bei Missverständnissen im Unterricht lange Belehrungen oft weniger effektiv sind. Wo es nur geht will er "mit einem Spaß reagieren und zusammen drüber lachen."

*Namen von der Redaktion geändert

Über das Integrationskonzept der Waldorfschule lest ihr im Beitrag "Schüler zu Weltbürgern". Und wie die Waldorschule in Frankfurt/Oder neue Mitschüler*innen aus anderen Ländern aufnimmt, lest ihr im "Einmaleins der Integration".

Katharina Fäßler
24 Jahre
... war beeindruckt, wie jung und lustig die Jungs waren und wie erwachsen sie gleichzeitig redeten.

Projektpartner