Eine ganz neue Welt

Geflüchtete Kinder

Laut Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF) waren im Februar 2016 knapp 69.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland registriert, die alleine aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Viele haben ihre Eltern, Geschwister und Freund*innen im Krieg verloren, andere haben sie zurückgelassen. „Es war alles anders für mich“, erzählt Paulo*. „Alles war komisch und ich hatte die Welt so noch nicht gesehen.“ Der 17-Jährige ist vor zwei Jahren aus Angola im Südwesten Afrikas alleine nach Deutschland gekommen. Jetzt lebt er im Wohnheim der katholischen Jugendhilfe St. Elisabeth in Dortmund. In seinem Heimatland versprach ihm keiner ein „Paradies Deutschland“, nur eine Chance auf ein besseres Leben.

Paulo vermisst seine Familie sehr, aber ob er einmal nach Angola zurückgehen will, weiß er nicht. Im St. Elisabeth Stift lebt er in einem sicheren Umfeld, hat Freund*innen und kompetente Betreuer*innen, die wesentlich dazu beitragen, dass es den jungen unbegleiteten Geflüchteten gut geht. Friedhelm Evermann, Leiter der Dortmunder Einrichtung, ist schon länger dabei: „Wir haben mit allen uns möglichen Mitteln dafür gekämpft, jedem Flüchtling gerecht zu werden“, erzählt er. „Es gab einmal eine Zeit, in der kamen täglich bis zu 80 Kinder bei uns an! Da haben wir natürlich versucht, jede noch mögliche Kapazität als gerechten Wohnraum zu nutzen.“

Für das Wohl der Kinder

Besucht man das St. Elisabeth Stift heute, liegt eine entspannte und freundliche Stimmung in der Luft. Im Jahr 1857 von Fanny Schiffer als Heim für Waisen und Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen gegründet, leben heute  viele geflüchtete Jungen und Mädchen dort. Der Gründerin war es wichtig, den Fokus auf das Wohl der Kinder zu legen, und so wird die Institution auch heute fortgeführt. Die Jugendlichen, die hier leben, wirken integrationswillig und fleißig. Viele von ihnen haben Hoffnungen, Träume und Visionen für ein besseres Leben in Frieden und Sicherheit. Nach dem Umzug ins Heim besuchen sie zuerst eine Sprachschule und wechseln dann später auf Gesamtschule oder Berufskolleg.

Auch Rami* ist wie Paulo ohne seine Eltern nach Deutschland geflohen. Der 15-Jährige machte sich gemeinsam mit seinem Cousin auf den Weg, rund 3.700 km zu Fuß oder mit Boot und Bus. „Es konnte ja nur besser werden hier, wir hatten nichts mehr in Syrien“, meint Rami. Wenn er an Syrien denkt, wird er traurig – auch weil sein Schulfreund Karim* dort vom Islamischen Staat (IS) entführt wurde: „Auf einmal war er weg“, erzählt Rami. „Wir haben immer viel miteinander unternommen, besuchten die gleiche Schule und haben uns jeden Tag gesehen. Jetzt ist nichts ist mehr, wie es mal war.“

Die Schatten der Vergangenheit

Während Friedhelm Evermann sich in der Jugendhilfe St. Elisabeth hauptsächlich um die bürokratische Seite kümmert, betreuen seine Mitarbeiter die jungen Bewohner*innen des Heims. Viele sind wie Rami traumatisiert von dem, was sie in ihrer Heimat erlebt haben. Manche stehen unter permanentem Druck, meint Matthias Güntermann, der die Kinder psychologisch betreut: „Viele Jugendliche helfen sich aber auch gegenseitig und muntern sich auf“, fügt er hinzu. „Sie sind füreinander da, wenn es schlechte Nachrichten aus der Heimat gibt.“ Oft helfen auch Hobbys: Paulo zum Beispiel malt gerne oder spielt mit den Jungen seiner Gruppe an der Konsole.

Außerdem hat er Spaß an der Schule: „Ich möchte später Chemie studieren, denn das verstehe ich so gut.“ Paulo hat den Willen und den Ehrgeiz, das alles zu schaffen. Bildung ist in der Jugendhilfe St. Elisabeth ein wichtiges Thema. Ihre Bewohner*innen können das in dem Büchlein Deine Rechte in der Jugendhilfe nachlesen, das Friedhelm Evermann jedem beim Einzug übergibt: „Wir legen besonderen Wert auf deine schulische und/oder berufliche Laufbahn“, steht dort geschrieben. Paulo scheint hier am rechten Platz zu sein.  

*Name von der Redaktion geändert

Warum unbegleitete, minderjährige Geflüchtete in Deutschland dringend einen Vormund brauchen, könnt ihr hier nachlesen. Mehr auch im Magazin

Paula Winter
16 Jahre, Bielefeld
... wünscht sich eine bessere Einhaltung der Menschenrechte. 

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