Fünf Kilometer, zwei Welten, eine Überzeugung

„Es gibt Reis, viel Reis“, sagt Nadine, und Lubna lacht herzhaft. Ein ruhiger Samstagmorgen in einem Einfamilienhaus am Stadtrand von Saarbrücken. Vor dem Haus empfangen zwei Gartenzwerge. „Glück ist ein Haus, in dem ein Lachen wohnt“, steht an der Wand. Drinnen hat es sich Nadine gemeinsam mit ihrem Mann, ihrer Tochter Noelle, mit Lubna aus Syrien und der peruanischen Nachbarin am reichhaltig gedeckten Frühstückstisch gemütlich gemacht. Sechs Menschen aus vier Ländern unterhalten sich angeregt miteinander. Das ist Alltag und für Nadine das selbstverständlichste auf der Welt.

Lubna und ihre neue Freundin Noelle. Foto: Anna Rakhmanko.

Lubna, die aus Syrien zuerst ins sächsische Bautzen kam, ist nach acht Monaten in einer Gemeinschaftsunterkunft übergangsweise bei Nadines Familie untergekommen. Sie muss viel Papierkram erledigen – Sparkasse, Krankenversicherung, Jobcenter – und natürlich eine eigene Wohnung finden. Aber sie strahlt, wenn sie die ersten Eindrücke ihres neuen Zuhauses auf Zeit schildert: "Ich liebe dieses Haus. Alles hier ist Kunst." An den Wänden des geräumigen Wohn- und Esszimmers dienen alte Weinkisten kunstvoll als Stauraum, am Treppenaufgang hängen blaue Quadrate – selbst gestaltet aus alten Pizzaschachteln. Alles ist verglast, die wenigen Türen, die es gibt, haben keine Schlösser. 

Kontraste

Nur fünf Kilometer südlich, im französischen Forbach, schließt eine ältere Albanerin einen großen, roten Crêpe-Ofen an, streicht eine Platte sorgfältig mit Butter ein. Es gibt Tavë Elbasani aus ihrer Heimat, auf französische Art zubereitet. Neben ihr werkelt ein vierfacher Familienvater aus Afghanistan an seinem Topf herum, den er provisorisch mit einer Pfanne abgedeckt hat. Es wird nicht viel gesprochen in der schmalen Küche, die gemeinsame Sprachgrundlage fehlt, aber man wirft sich ab und an einen ermutigenden Blick zu, der zu sagen scheint: "Wir kriegen das hier schon irgendwie hin."

Die Küche liegt im Hinterhof eines hôtel social, wie es Madou* nennt. Er ist heute der einzige Angestellte im Haus, das schon seit drei Jahren kein Hotel mehr ist, sondern Notunterkunft für Geflüchtete. Als ich ihn zum ersten Mal am Telefon spreche, ist er sehr entspannt, ich bin überrascht: "Einfach morgen vorbeikommen und an der Tür klingeln, wir sind sowieso da." Unerwartete Offenheit in einer Region, in der auf Nachfrage bei offiziellen Stellen nur sehr wenig über Immigration gesprochen wird und noch weniger über Flüchtlingszahlen.

Foto: Anna Rakhmanko.

Auf den ersten Blick lässt nichts darauf schließen, dass in dem Zwei-Sterne-Hotel Geflüchtete untergebracht sind: Es macht durch ein gut sichtbares, neongelbes Schild auf sich aufmerksam, an der Eingangstür werden kostenloses W-LAN und Canal-Plus-Anschluss beworben. Doch die Rezeption ist nicht besetzt. Die drei albanischen Damen in der Lobby verweisen auf eine Tür, die gut getarnt hinter einem schweren Vorhang verborgen liegt. Madou ist nicht einfach zu finden an diesem Tag, aber wer ihn gefunden hat, den begrüßt der junge Mann herzlich und bietet sofort einen Kaffee an. Das Hotel ist restlos ausgebucht: 63 Geflüchtete vom Westbalkan, aus Armenien und Afghanistan haben hier fürs Erste ein Dach über dem Kopf gefunden.

Zwei Welten, eine Willkommenskultur

Auf den ersten Blick könnten Nadine und Madou unterschiedlicher nicht sein. Sie ist mit einem Schweizer IT-Berater verheiratet und hat sich aus freien Stücken vor fünf Wochen dafür entschieden, eine junge Syrerin bei sich Zuhause aufzunehmen. Er muss im Hotelgeschäft in einer strukturschwachen Region ein Auskommen finden, hat in seinen eineinhalb Jahren im Betrieb Dutzende Familien, vor allem vom Westbalkan, kommen und gehen sehen.

Auf jeden zweiten Blick jedoch wird klar, dass beide mehr verbindet. Nadine und Madou sind Teile einer europäischen Willkommenskultur, die, so unterschiedlich sie auch ausgestaltet sein mag, von großer Offenheit, von Engagement und einer kompromisslos positiven Grundhaltung getragen wird. Die – unabhängig davon, was in Berlin oder Paris passiert – jeden Tag weitermacht. Und für die der Umgang mit Migration ganz selbstverständlich zum Alltag gehört.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Nadine arbeitet als Sozialarbeiterin, betont aber, dass ihr Beruf nichts mit ihrer Entscheidung zu tun gehabt habe, Lubna bei sich zu Hause aufzunehmen. Es kamen schlicht und einfach die richtigen Umstände zusammen: Ihr Sohn, 18, war ausgezogen, sein Zimmer stand leer und sie las die Anfrage in einer Facebook-Gruppe. "Ich habe einfach keine Lust, dass die Menschen keinen Wohnraum zur Verfügung gestellt bekommen und in irgendwelchen Einrichtungen leben müssen, obwohl die Leute hier genug Wohnraum haben." Lubna ist offiziell Untermieterin, hat alle Freiheiten. Die Familie tut ihr Bestes, damit sie sich wohlfühlt und eine Chance hat, in Deutschland anzukommen.

Madou brach sein Jurastudium nach zwei Jahren ab: "Nicht jeder ist für die Universität gemacht." Ein paar Jahre später verschlug es ihn von Paris aus in die lothringische Provinz. Aber er ist mit seinem Job sehr zufrieden, kann seinen Lebensunterhalt bestreiten und sich gleichzeitig sozial engagieren. Mitstreiter*innen hat er vor Ort allerdings nur wenige. Die Zugewanderten, durch das französische Asylsystem teilweise über ein oder zwei Jahre zum absoluten Nichtstun gezwungen, haben niemanden, der mit ihnen Fußball spielen geht oder ein paar Worte Französisch lernt. Es gibt Sozialarbeiter*innen, die beim Ausfüllen der Anträge helfen, natürlich, aber sonst ist Madou ihre Bezugsperson, ihr einziger Kontakt zum Frankreich "da draußen". 

Über Freundschaften und eine neue Sprache

Nadine (Mitte) im Gespräch mit Autor Oliver. Foto: Anna Rakhmanko

Lubna hat vor dem Bürgerkrieg in Syrien mehrere Jahre als Journalistin gearbeitet, Noelle, Nadines Tochter, geht in die zweite Klasse. Zwischen beiden liegen 21 Jahre. Doch heute lauscht Lubna fasziniert Noelles Ausführungen, sie spielen das Kartenspiel Uno. Noelle spricht die Farben langsam und deutlich aus, erklärt die Regeln geduldig, Lubna versteht und nickt. Die Familie spricht hauptsächlich Deutsch mit ihr, Lubna macht Fortschritte, ist motiviert. "Die Sprache ist wie eine Wand. Aber Nadine hat alles unternommen, um diese Wand zu brechen", blickt sie heute auf die Anfänge zurück.

Madou könnte einfach seinen Dienst absitzen, sich langweilen, fernsehen und alle zwei Stunden auf den Gängen nach dem Rechten sehen. Dass das überhaupt nicht sein Ding ist, merkt ein Besucher sofort. Im Personalraum gibt es eine große Couch, dort unterhält er sich meistens mit seinem Freund Miloš* über Gott und die Welt. Für den jungen Montenegriner war das Hotel selbst erster Anlaufpunkt nach seiner Ankunft in Frankreich, mittlerweile wurde sein Asylantrag positiv beschieden und er hat einen Arbeitsvertrag in der Tasche. Miloš huscht kurz ins verwinkelte Hinterzimmer und kommt einen Moment später mit einer Tasse frischem, stark gerösteten Kaffee zurück. Er spricht ein passables Französisch, Madou mittlerweile fließend Montenegrinisch: beide Seiten haben voneinander gelernt, ohne Sprachkurs, ohne Buch – schlicht und einfach durch die Kommunikation miteinander und mit den anderen Hotelbewohner*innen. Madou ist unermüdlich, tagtäglich etwas Neues zu lernen.

Optimismus

Wenn Nadine ihre Erfahrungen teilt, kann sie sich gestenreich minutenlang über die Behörden in Rage reden; über Organisationen, die es nicht hinbekommen, die wenigen privat zu Verfügung gestellten Zimmer auch an Geflüchtete zu vermitteln; über Ämter, die keine Rücksicht auf mangelnde Deutschkenntnisse nehmen. Wenn Madou seine Erfahrungen teilt, hält er schon einmal ratlos inne und meint: "Da oben ist die Politik, wir sind nur die Bürger. Dagegen können wir nichts machen."

Doch dann kehrt in beide die positive Energie, Optimismus, zurück. Es ist kein grenzenloser Idealismus, der sie verbindet, es ist die reale Erfahrung, dass alles funktioniert, irgendwie, immer. Und dass das Leben gar nicht so anders ist wie zuvor.

Über verschiedene Wohninitiativen für Geflüchtete lest ihr außerdem im Beitrag "Wie ein altes Ehepaar".

Oliver Mehling
19 Jahre, Freiburg
… und Fotografin Anna wollten die fünf Kilometer zu Fuß zurücklegen, bevor ihnen an der Grenze eine ältere Dame spontan einen Platz in ihrem Auto anbot.

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