Für ein Leben in Sicherheit

Familie auf der Flucht

Rida*, 45 Jahre alt, sitzt in einem großen, grauen Sessel und setzt sich seine jüngste Tochter auf den Schoß. Die brünetten, langen Haare der Achtjährigen sind geflochten und mit einem silbernen Haarreifen fixiert. Sie strahlt über beide Ohren. Ridas ältere Tochter und seine Söhne im Alter von 15 und 17 Jahren sitzen brav und etwas schüchtern auf dem Sofa. Sie hören gespannt zu, wie ihr Vater ihre Geschichte erzählt. Die Wohnung, in der die Familie seit Kurzem wohnt, ist so liebevoll wie möglich eingerichtet und liegt in einem schönen Stadtteil von Stuttgart. Auf dem Tisch stehen ein großer, bunter Obstkorb und ein Teller mit verschiedenen Schokoladenkeksen. Gastfreundlichkeit ist der Familie wichtig.

Rida ist eigentlich in einem Alter, in dem man an einem heimatlichen Ort seine Kinder großziehen, einen Beruf ausüben und ein zufriedenes Leben haben möchte. Bis vor ein paar Jahren war das auch noch möglich. Rida war Fußballtrainer, seine Kinder gingen zur Schule und seine Familie hatte ein erfülltes Leben. Doch dann brach in Syrien Krieg aus. Rida hatte Angst um seine Familie, jeden Tag übertönten Bomben und Raketen das Heulen seiner Kinder. Zwischen Muslimen und Christen soll es vorher keine Probleme gegeben haben. Sie seien erst durch den Islamischen Staat (IS) entstanden.

Auf der Flucht vor dem IS und Assad

Das Wichtigste für Rida als Vater war, seine Familie in Sicherheit zu bringen. Die radikalen Islamisten des IS verprügelten, schlügen und töteten Menschen. Rida atmet tief durch. Er sei aber ebenso vor Assads Regime geflohen. Denn dessen Grausamkeit sei genauso schlimm wie die des IS: Menschen verhungerten im Gefängnis des Regimes, doch die Weltgemeinschaft fürchtete sich nur vor dem IS. Die westlichen Staaten täten nichts, um die Situation zu verbessern, kritisiert Rida: „Aber die Deutschen können nichts dafür“, meint er, „denn sie sind unwissend.“ Er wünsche sich nichts mehr als Frieden in seiner Heimat.

Ridas Familie hatte Glück. Erst reisten sie nach Jordanien, dann konnte sein Onkel sie per Flugzeug nach Deutschland holen. Rida hätte es nicht übers Herz gebracht, seine Familie Gefahren auszusetzen. Besonders nicht nachdem er hörte, dass Syrer*innen in den Flüchtlingscamps in Jordanien geschlagen würden. Als sie endlich in Deutschland ankamen, war alles anders. Dass es so etwas wie Sozialhilfe oder ein stolzes Leben ohne Job“ gibt, wäre in seinem Heimatland unvorstellbar. Durch deutsche Behörden und Ehrenamtliche wurde seiner Familie geholfen, was sie alle sehr schätzen.

Integration auf beiden Seiten

Rida möchte endlich in Freiheit und Gerechtigkeit leben und arbeiten. Sein größter Traum wäre es, wieder eine Fußballmannschaft zu trainieren. Nebenbei läuft der Fernseher – Bayern München spielt gegen den Hamburger SV. Ridas 15-jähriger Sohn tippt für Hamburg, der ältere ist Bayern-Fan. Fast wie bei einer normalen deutschen Familie.

Das große Ziel aller Familienmitglieder ist es, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. Ridas Söhne wollen gut in der Schule sein. Sie hoffen darauf, wieder in ihre Altersklassen eingestuft zu werden. Gerne würden sie mehr Kontakt zu Deutschen haben, aber das sei sehr schwer, erklärt Rida. Sprachbarrieren und Vorurteile erschwerten es, Kontakte zu knüpfen: „Die Leute nehmen Abstand bei dunklen Haaren“, bedauert er und drückt dabei seine kleinste Tochter fest an seine Brust. Als wolle er sie beschützen.

Natürlich sind Kulturen sehr unterschiedlich – doch dahinter stecken Menschen, der eine nicht weniger wert als der andere. Verschiedene Lebensweisen sollten kein Hindernis für ein gemeinschaftliches Miteinander sein. Denn nichts ist schlimmer als im Krieg zu leben und jeden Tag um sein Leben zu fürchten.

*Name von der Redaktion geändert

Wie Geflüchtete und Migrant*innen Stuttgart erleben, könnt ihr hier nachlesen. Mehr zum Thema Fußball erfahrt ihr im Beitrag von Emilie Schleich

Victoria Enzenauer
20 Jahre, Düsseldorf
… hat bei Ridas Familie ihre Vorliebe für schwarzen Tee entdeckt.

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