Flucht in Antike, Gegenwart – und im Schauspiel

Während in Leipzig seit Anfang 2015 der Pegida-Ableger Legida marschiert, positioniert sich das Schauspiel Leipzig für eine tolerante und weltoffene Gesellschaft. Unter anderem mit einem an der Fassade angehefteten Plakat mit dem Goethe-Zitat „Das Land, das die Fremden nicht beschützt geht bald unter.“ Seit Oktober 2015 wird dort auch das Stück „Die Schutzflehenden/ Die Schutzbefohlenen“ aufgeführt. Die auf den gleichnamigen Texten der Österreicherin Elfriede Jelinek und dem antiken Dramatiker Aischylos basierende Inszenierung behandelt Flucht in der Antike und in der Gegenwart: Während das zentrale Motiv in „Die Schutzflehenden“ die Flucht vor Zwangsheirat ist, kommt Jelineks Text als eine Wutrede auf einen Vorfall aus dem Jahr 2013 daher, als Flüchtlinge in der Wiener Votivkirche Asyl suchten und abgewiesen wurden. Dass das Schauspiel beide Texte kombiniert hat einen bestimmten Grund:

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Enrico Lübbe erklärt, warum die Kombination der beiden Texte so spannend ist.

Ein Text erwacht zum Leben

Der Ansatz, die Stücke zu inszenieren, sei gar nicht gewesen, auf die aktuelle Situation zu reagieren. „Dass das so ein akutes Thema werden würde, konnten wir im Vorjahr wirklich nicht ahnen“, sagt Enrico Lübbe, Intendant des Schauspiel Leipzigs. Sabine Brückner, die vom Schauspiel für einen der beiden Bürgerchöre der Inszenierung gecastet wurde, berichtet in Bezugnahme auf den Jelinek-Text: „Da heißt es wörtlich, ‚ersticken im Kühlwagen‘. Und das ist [in einem LKW in Österreich, Anm. d. Red.] während der Probenarbeit passiert – und plötzlich wurde der Text so brisant, auch für uns.“ Das Schauspiel habe dabei nicht den Anspruch, absolute Wahrheiten zu zeigen. „Relativ früh war uns aber klar, dass wir keine Antworten geben wollen, sondern Fragen stellen“, so Lübbe.

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Und plötzlich ist alles so nah! Wie Tagesnachrichten den Blickwinkel verändern können.

Medea: Kindsmörderin oder Schutzbedürftige?

Flucht lässt sich – ebenso wie bei Aischylos – bereits in der Antike nachweisen, etwa im Medea-Mythos: Nachdem Medea ihrem Vater das Goldene Vlies stiehlt, flieht sie nach Korinth. Dort bleibt sie zunächst, wird aber verbannt und tötet aus Rache König Kreon, dessen Tochter und ihre beiden Söhne und flieht weiter nach Athen. Bereits der griechische Dichter Euripides griff den Stoff 431 v. Chr. auf. Später beschäftigten sich auch weitere Schriftsteller*innen wie Christa Wolf oder Seneca mit dem Thema.

Aber auch Neid und Missgunst sind, so Enrico Lübbe, Faktoren, die bei der Betrachtung der Thematik eine Rolle spielen.


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Neid und Missgunst – ein Problem in unserer Gesellschaft?

"Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen.“

Deutlich später, zur Zeit des Nationalsozialismus, nahm sich unter anderem Bertolt Brecht als einer der bedeutendsten deutschen Literaten des 20. Jahrhunderts des Themas an. In seinem Fragment gebliebenen Werk „Flüchtlingsgespräche“ lässt er, stellvertretend für alle Exildeutschen, Physiker Ziffel und Arbeiter Kalle in achtzehn Gesprächen über ihre Lage sinnen: „Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen“, so das Fazit der Beiden. „Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. [...] Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird."

Trümmerseelen 2015

Aber natürlich gibt es auch gegenwärtige Literatur, die sich mit Flucht beschäftigt. So setzt sich beispielsweise die Initiative Dichter für Flüchtlinge des Projekts SternenBlick intensiv mit dem Thema auseinander. 2015 entstand daraus das Buch „TrümmerSeele“, an dem sich über 400 Poet*innen beteiligten. Für jedes verkaufte Exemplar spendet das Projekt drei Euro an die Flüchtlingshilfe.

Engagement für Geflüchtete kann aber auch ganz anders aussehen, wie Sabine Brückner erklärt:

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Wieso mitspielen? Gesellschaftliches Engagement durch Theater?!


Eines der Gedichte aus dem Buch „TrümmerSeele“ ist Felix Bräckleins Gedicht „Stell dir vor...“. Dort heißt es in der ersten Strophe:


stell dir vor du musst gehen.
rennen.
fliehen.
du verlierst alles.
alles.

Und so geht es immer mehr Menschen, weltweit befanden sich Mitte 2015 nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks UNHCR knapp 60 Millionen Menschen auf der Flucht, unter ihnen auch Dichter*innen, die aus Angst vor Verfolgung ihre Heimat verlassen und in ihren Werken das Thema in die Literatur tragen. Ebenso wie heutzutage Menschen fliehen, flohen sie auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und genauso flohen sie bereits vor Beginn unserer Zeitrechnung, so dass Stücke wie die von Euripides und Aischylos entstanden.

Enrico Lübbe formuliert sein Fazit wie folgt:

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Und, wie soll es weitergehen? Ein Denkanstoß von Enrico Lübbe.

Videoaufnahmen: Isabell Schmidt.

Autor Max Latinski
Max Latinski
17 Jahre, Leipzig
… wünscht sich, dass Empathie wieder eine größere Rolle in der Flüchtlingsdebatte spielt.

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