Frauenleben ohne Wert?

Ayasha* ist Palästinenserin und mit 18 Jahren nach Deutschland geflohen. Doch nicht etwa aus den palästinensischen Gebieten des heutigen Israels, sondern aus Jordanien. Während des Palästinakriegs 1947-49 wurden knapp 750.000 Palästinenser *innen zu Geflüchteten. Viele von ihnen gingen nach Jordanien, Syrien oder in den Libanon. Seither gibt es in diesen Ländern eine große palästinensische Bevölkerung, die meist immer noch als Geflüchtete zählen und oft staatenlos sind. Beruf, Bildung, Kleidungsstil, Freizeit – in all diesen Bereichen war Ayasha in Jordanien eingeschränkt. Sie hatte kaum Rechte und Freiheiten. Deshalb entschloss sie sich mit ihrer Familie zur Flucht.

Ayasha kennt viele Palästinenserinnen in Jordanien, die unter den gleichen Problemen wie sie litten und immer noch leiden. „Dort hat eine Frau keinen Wert“, erzählt Ayasha, „ein Mann aber schon.“ Grundsätzlich seien Palästinenser*innen in Jordanien nicht gern gesehen, egal ob Mann oder Frau. Doch Frauen litten stärker, denn sie würden als noch „wertloser“ als männliche Geflüchtete angesehen.

Gefahren einer Flucht

Mädchen und Frauen wie Ayasha sind auf der Flucht besonders gefährdet, nicht selten werden sie Opfer sexueller Übergriffe. Elaine Yousef, die als Pädagogin in einer Dortmunder Flüchtlingsunterkunft* arbeitet, kümmert sich besonders um Frauen: „Wir versuchen, sie besonders zu pflegen und in Schutz zu nehmen“, erklärt sie. Jeden Samstag finde ein betreutes Frauencafé in der Unterkunft statt: häkeln, stricken, Kaffee trinken, Kuchen essen. Eine gute Ablenkung und Beschäftigungsmöglichkeit.

Ayasha weiß, welche Gefahren eine Flucht für Mädchen und Frauen birgt. Sie erzählt von einem Vorfall in Spanien: Mit ihrer Mutter, Schwester und ihrem Bruder schlief Ayasha zwei Tage auf der Straße. Eines Nachts wollten fremde Männer sie dazu überreden, mit ihnen zu kommen. Fragten, ob sie Geld bräuchten. „Allein reisende Frauen werden auf der Flucht oft reingelegt, weil sie weniger Ahnung haben“, glaubt Ayasha. Trotzdem rät sie anderen Frauen zur Flucht.

Neue Freundschaften

In der Dortmunder Flüchtlingsunterkunft schlafen die Bewohner*innen meist zu zehnt in einem Raum. Familien werden nicht getrennt, denn das sei pädagogisch unklug, sagt Elaine Yousef: „Alleinstehende Frauen wohnen mit Familien zusammen. Alleinstehende Männer, aber auch Mütter mit Neugeborenen bekommen Einzelzimmer.“ Für Schwangere stehen rund um die Uhr Hebammen zur Verfügung und auch Behördengänge werden übernommen. Es werde viel ehrenamtlich gearbeitet und „jeder hilft außerhalb seiner Arbeitszeit“, sagt Yousef.

Gewalt gebe es in der Unterkunft nicht – nicht einmal unter Männern. „Das Personal ist vielfältig und es existieren keine Sprachhürden“, meint Yousef. Das vereinfache die Konfliktvorbeugung. Auch Ayasha hat in der Unterkunft bemerkt, dass Männer und Frauen respektvoll miteinander umgehen. Viele Frauen schließen im Laufe der Zeit Freundschaften untereinander. Ayasha möchte sich vor allem frei entfalten, ihre Meinung sagen. Sie will selbst entscheiden, was sie lernen will. Das konnte sie in Jordanien nicht. „Deutschland ist aber nicht das Paradies, sondern einfach nur ein Land, in dem ein Normalzustand herrscht, den es überall geben sollte“, meint Ayasha. Weibliche Geflüchtete seien hier willkommen – anders als in Jordanien. Irgendwann möchte Ayasha aber nach Palästina zurück, in ihr Heimatland.

*Name und Wohnort von der Redaktion geändert

Warum Frauen und Mädchen auf der Flucht besonders gefährdet sind, lest ihr hier. Von Zara aus Tschetschenien berichtet Nil Idil Çakmak

Jenny Smolka
19 Jahre, Lünen
... ist auf ihrer Schule als „Grammar-Nazi“ bekannt und würde gerne Journalistin werden.

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