Gemeinsam auf kleinsten Raum

Im Flüchtlingsheim

„Ich hatte gehofft, in Deutschland endlich frei zu sein“, erzählt Fadil, der aus politischen Gründen aus seiner Heimat flüchtete. In Äthiopien war der 27-Jährige in der Opposition aktiv und daher in Gefahr. Als er 2010 in Deutschland ankam, wurde er zunächst in die Erstaufnahmestelle im bayerischen Zirndorf gebracht. Dort musste er sich ein 15m2 großes Zimmer mit fünf anderen Äthiopiern teilen. „Wir durften die Stadt nicht verlassen“, erzählt Fadil. Auch in der Gemeinschaftsunterkunft in der Wilhelm-Busch-Straße in Bayreuth, in die er später umzog, wurde ihm die Bewegungsfreiheit genommen. Oberfranken durfte er nur unter Auflagen verlassen.

Dass sich Geflüchtete in Asylbewerberwohnheimen nicht besonders wohl fühlen, weiß auch Cosima Vogel. Die Lehrerin aus Bayreuth arbeitet als ehrenamtliche Betreuerin beim Sozialdienst des Sozialamtes Bayreuth. Sie begleitet Geflüchtete beispielsweise zum Arzt oder hilft bei Schwierigkeiten im Alltag. Diese Unterstützung fängt unmittelbar nach dem Grenzübertritt, der folgenden Registrierung und der Ankunft der Geflüchteten in der Erstaufnahme an. Dort können sie bis zu sechs Monate bleiben. Erst wenn das Asylverfahren läuft, werden sie in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, in denen sie bis zu 48 Monate lang wohnen. Das ist eine lange Zeit.

Mit 60 Personen auf kleinstem Raum

Mit den Unterkünften kennt sich Dany* aus dem Senegal gut aus. Wie Fadil ist auch er enttäuscht vom Leben, das er bis jetzt in Deutschland geführt hat. Trotz angefangener Ausbildung im IT-Bereich an einer privaten Hochschule in Dakar hat Dany 2013 seine Heimat verlassen. Von Senegal über Marokko und Spanien floh der 25-Jährige nach Deutschland. Im Dezember 2014 kam er schließlich in Dortmund an, von wo aus er über München nach Bayreuth geschickt wurde. „Zum Glück musste ich nicht in München übernachten“, erzählt Dany. „Dort gab es so viele Leute. Einige schliefen sogar auf dem Boden.“

In Bayreuth wird Dany wie Fadil in der Wilhelm-Busch-Straße untergebracht: ein Raum voller Matratzen, 60 Personen und eine enorme Lautstärke. „Es kam mir vor, als ob sie lauter Matratzen in eine Lagerhalle geworfen hätten“, meint Dany heute. Viel schlimmer jedoch war, dass es bei seiner Ankunft Schweinefleisch zu essen gab. Das ist tabu für Dany, der Moslem ist. Seitdem er das erste Mal Geld bekommen habe, habe er nie wieder im Heim gegessen. Nun lebt Dany in Lichtenfels, einer Kleinstadt im Umkreis von Bayreuth, und teilt sich eine Wohnung mit zwei anderen Senegalesen, drei Nigerianern, einem Guineer und einem Sierra Leoner. Es gibt ein Badezimmer und eine Kochnische, aber weder Internet noch Fernseher. Zu tun haben sie alle nichts.

Sprachlosigkeit und Langeweile

Wie Dany langweilen sich viele Geflüchtete in ihren Unterkünften. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist ihnen erschwert. Besonders die Sprache ist oft ein großes Hindernis. Ohne Deutschkenntnisse ist es schwierig, sich in der Unterkunft oder mit Sozialarbeiter*innen zu verständigen – geschweige denn, einen Job zu finden. Glück hat, wer schon in der Erstaufnahmestelle einen Sprachkurs besuchen kann. Doch diese werden meist nur von Ehrenamtlichen oder Sozialdiensten angeboten.

Ein Sprachproblem hatte auch Nina aus Nigeria, die im August 2015 in Bayreuth ankam. Glücklicherweise konnte sie sich mit Cosima Vogel auf Englisch verständigen: „Als Nina hier ankam, war sie schwanger und hatte ihren vierjährigen Sohn dabei“, erzählt Vogel. In der Wohnung, die Nina jetzt bewohnt, leben auch eine kurdische Familie, drei Kongolesinnen und drei junge Senegalesen. Am schlimmsten für Nina war es am Anfang, dass sie nicht miteinander sprechen konnten. Heute fühlt sie sich viel wohler, weil die anderen sie in ihrer Schwangerschaft unterstützt haben und oft auf ihren Sohn aufpassen. Meist dauert es, bis sich Geflüchtete in ihren neuen Wohn- und Lebenssituationen zurechtfinden. Das gelingt ihnen in vielen Fällen nur dank der Hilfe von Freiwilligen und Sozialdiensten.  

* Name von der Redaktion geändert

Warum es wichtig ist, mit Geflüchteten auch mal in die Kneipe zu gehen, könnt ihr in diesem Video sehen. Das WGs oft die besseren Lösungen sind, berichten Anna Warda und Lea Stratmann

Rufine Songue
22 Jahre, Douala
… mag es nicht, wenn man andere beurteilt, ohne ihr Leben wirklich zu kennen.

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