Grenzsprünge über die Oder

Zwischen Frankfurt (Oder) und Slubice

Hossam kocht Wasser, um damit Nescafé zuzubereiten. Dazu gibt es Kekse. Der 26-jährige Syrer bietet jedem einen Sitzplatz an. Auf dem Fensterbrett stehen alte Kuscheltiere. Sein Zimmer ist karg und außer sieben Betten, einem kleinen Spind und einem Tisch mit Stühlen steht nicht viel darin. Hossam lebt in einem Flüchtlingsheim in Frankfurt (Oder). In den letzten Monaten hat er viele körperliche und mentale Grenzen überwinden müssen. Was bedeuten ihm und anderen Menschen diese Trennungslinien und welche Rolle werden sie in Zukunft spielen? Die Meinungen dazu gehen auseinander. Das Grenzstädtchen Frankfurt (Oder), das direkt neben dem polnischen Słubice liegt, zeigt auf beeindruckend kleinem Raum, wie unterschiedlich Menschen Grenzerfahrungen erleben. 

Da gibt es die einen, denen Grenzen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Schutz vor dem Fremden und Unbekannten. So erzählt Hossam von seiner Zeit in Syrien vor der Revolution 2010 und wie er sich damals innerhalb der syrischen Grenzen sicher und wohl gefühlt habe. Er wollte sein Land nie verlassen. Das Gefühl von Sicherheit, das ihm Staatsgrenzen einst gaben, schwand während seiner Flucht nach Deutschland. Nie wusste er, was ihn hinter der nächsten Grenze erwartete. Mal waren es helfende Hände, mal gewalttätige Polizist*innen. „Mit jeder Grenze, die ich überwunden hatte, fiel ein Stück Erleichterung von mir ab“, erzählt Hossam. So wurde das Überwinden von Grenzen für ihn gleichzeitig zum Alltag und zur größten Herausforderung seines Lebens.

Sicherheit oder Freiheit?

Sicherheit durch Grenzen erhoffen sich auch knapp 100 Menschen in und um Frankfurt (Oder), die sich Ende Februar auf dem Rathausplatz zu einer Demonstration der Gruppe „Frankfurt wehrt sich“ versammeln. Sie schwingen deutsche und polnische Flaggen, hetzen gegen „Asylschmarotzer“ und versetzen die verschlafene Kleinstadt einen ganzen Nachmittag lang in Aufruhr. Die jungen Rechtsextremen scheinen Angst zu haben vor dem „Fremden“. Vor dem, was hinter den Grenzen liegt, die sie nicht kennen. Das erscheint sonderbar, wohnen Pol*innen und Deutsche doch dicht an einer Staatsgrenze, die früher nicht so durchlässig war, und waren somit lange Zeit „Fremde“.

Viele Bewohner*innen der Städte Frankfurt (Oder) und Słubice aber haben begonnen, dem Unbekannten aufgeschlossen gegenüberzutreten. So auch die 78-jährige Alice Weisel und mit ihr viele andere deutsche und polnische Rentner*innen, die im Rahmen der deutsch-polnischen Seniorenakademie einen regen Kulturaustausch betreiben. Weisel hat im hohen Alter noch begonnen, Polnisch zu lernen, und verbindet den Begriff Grenzen zunächst mit Freundschaft und Nachbarschaft. Und das, obwohl ihre ersten Grenzerfahrungen wenig positiv waren. Weisels Familie floh 1946 nach Deutschland und wurde dort nicht sehr herzlich willkommen geheißen. Sie könne die Situation von Menschen, die heute Flucht und Vertreibung erfahren, gut nachvollziehen, meint Weisel: „Es kommt wieder hoch.“

Dynamik statt Stacheldraht

Der Begriff Grenze wird von jedem Menschen individuell definiert und wandelt sich ständig durch technische Entwicklung, politische Veränderungen und viele andere Faktoren. Er sei aber in jedem Falle gesellschaftlich konstruiert, meint Dominik Gerst, Doktorand an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder), der sich in seiner Forschung mit der deutsch-polnischen Grenze beschäftigt. So beobachtet Gerst nicht nur eine negative Wahrnehmung von Grenzen, sondern im Falle von Frankfurt (Oder) und Słubice vermehrt ein Verständnis eines dynamischen Übergangsraums, von dem beide Seiten profitierten: „Wir brauchen Grenzen im Leben“, so Gerst, doch es sei wichtig, diese immer wieder zu hinterfragen.

In Frankfurt (Oder) entwickelt sich ein gemeinschaftliches Denken und Handeln über Grenzen hinaus. Nicht alle sind damit einverstanden, doch scheinen die Vereine, Initiativen und Menschen, die sich für eine Verständigung zwischen Kulturkreisen einsetzen, zu überwiegen. Fakt ist: Grenzen existieren physisch und psychisch und es gilt, sie richtig einzuordnen. Der aktuelle Diskurs zu Migrationsbewegungen erweckt den Eindruck, dass vor allem in Europa Grenzen erneut der Abgrenzung und des Ausschlusses dienen. Dabei sollten sie doch vielmehr als eine Möglichkeit gesehen werden, über den Tellerrand zu schauen.

Mehr über die deutsch-polnische Grenzregion lest ihr hier. Wie viele Grenzen man bei der Flucht von Syrien nach Deutschland überwinden muss, könnt ihr euch in dieser Bilderstrecke ansehen. 

Evamarie Schulze
23 Jahre, Berlin
… isst am liebsten Falafel und kann jetzt ein bisschen auf Arabisch fluchen.

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