Ist Migration immer Flucht?

Migration oder Flucht?

In einem anderen Land zu leben als in jenem, in dem man geboren wurde, ist kein neues Phänomen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen (UN) aus dem Jahr 2015 leben 243.700 Millionen Menschen in einem Land, das nicht ihre ursprüngliche Heimat ist. Das Wort „Migration“ beschränkt sich nicht nur auf geflüchtete Menschen, sondern bezieht sich ausnahmslos auf jeden, der von einem Ort bzw. aus einem Land weggeht – unabhängig vom Grund seines Wegzugs. „Migration“ steht allgemein für Wanderbewegungen und „Flucht“ hängt stärker mit äußeren Ursachen zusammen.

Wer flüchtet, hat meistens Angst vor einer bestimmten Bedrohung und versucht deswegen, seine Zelte abzubrechen. Aber aus welchen konkreten Gründen bringen sich Personen in Gefahr und verlassen ihre Heimat und Familie? Es gibt viele Ursachen für Wanderbewegungen, die sich in sogenannte Push- und Pull-Faktoren einteilen lassen.

Von Badghis nach Frankfurt an der Oder

Push-Faktoren sind Gründe, die einen Menschen dazu zwingen, seine Heimat zu verlassen. Wenn beispielsweise Krieg in einem Land ausbricht, bleibt vielen Bewohner*innen nichts anderes übrig, als in Hoffnung auf ein sicheres Leben die Strapazen einer Flucht auf sich zu nehmen. Andere Gründe sind Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger, Umweltkatastrophen und Verfolgung, zum Beispiel aus politischen oder religiösen Gründen.

So ging es auch Basir Ahmad, einem 22-jährigen Afghanen, der als Aktivist in seiner Heimat versuchte, anderen Menschen zu helfen. Basir war bei der Organisation Owj-e-Barter tätig, die er in der Provinz Badghis im Nordwesten Afghanistans selbst gegründet hatte. Um sie zu finanzieren, war er auf amerikanische Hilfe angewiesen. Da extremistische Gruppen wie die Taliban jeglichen Kontakt mit den von ihnen als „Ungläubigen“ bezeichneten Amerikaner*innen ablehnten, war Basir Ahmad in Gefahr: „Die Flucht nach Deutschland war für mich nicht schlimmer als mein Leben in Afghanistan“, meint er. Jetzt ist er glücklich, es in ein sicheres Land geschafft zu haben.

Einmal Aktivist, immer Aktivist

Im Gegensatz dazu liegen die Pull-Faktoren meistens in den Industrieländern begründet, deren Lebensstandard nicht mit dem anderer Länder zu vergleichen ist. Neben Sicherheit sind hier bessere berufliche und persönliche Perspektiven zu nennen, die im eigenen Land nicht existieren. Viele kehren ihrer Heimat den Rücken, um anderswo von einem besseren Bildungssystem zu profitieren. Für andere sind höhere Löhne ein Pull-Faktor.

In Deutschland hat sich Basir Ahmad neue Ziele gesteckt, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Von seiner Vergangenheit will er sich nicht ablenken lassen, weil diese ja der Grund für seine Flucht war. „Was ich erlebt habe, hält mich nicht davon ab, anderen zu helfen – auch wenn das für mich selbst gefährlich sein könnte“, meint er. So wie Basir Ahmad geht es auch anderen afghanischen Aktivist*innen, wie beispielsweise seinem Freund Mahdi Farhat, der es gerade geschafft hat, in die USA zu flüchten.

Basir Ahmads Geschichte ist ein gutes Beispiel für verschiedene Push- und Pull-Faktoren, die Geflüchtete oder Zuwander*innen zum Verlassen ihrer Heimat zwingen. Manche Menschen haben es wie Basir Ahmad geschafft, ihr fernes Ziel zu erreichen. Anderen gelingt es nicht. Denn entweder kommen sie auf dem Weg ins Zielland ums Leben oder sie werden von ihren Verfolger*innen festgenommen und umgebracht.

Mehr über die aktuelle Situation in Afghanistan lest ihr hier

Hamdi Abdelmoula
24 Jahre, Gabes
... ist aus Tunesien nach Deutschland eingewandert – aber nicht geflüchtet.

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