Kicken mit Adler

Integration durch Fußball

Die Freude am Sport verbindet Menschen – ganz egal, woher sie kommen. Dieses Motto hat sich der albanische Fußballklub KF Sharri e.V. auf die Fahnen geschrieben. In weinroten Trikots flitzen die jungen Spieler über den Rasen. Es ist Heimspieltag. Die meisten auf dem Platz haben albanische Wurzeln, andere kommen aus Deutschland, Marokko, Syrien oder Ghana. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine ganz gewöhnliche Mannschaft. Nur eines unterscheidet die jungen Spieler vom Team aus der Nachbarstadt. Alle hier tragen ein besonderes Wappen auf den Trikots: einen schwarzen Adler mit zwei Köpfen. Dieses Symbol verbindet Albaner*innen aus unterschiedlichen Ländern miteinander. Das ist wichtig zu wissen, denn Albaner*innen leben nicht nur in dem Gebiet, das sich heute Albanien nennt, sondern auch im Kosovo und in Mazedonien.

„Genau daran knüpft auch der Vereinsname KF Sharri an“, erklärt Afrim Nebiu, Gründungsmitglied und einer der Cheftrainer des Vereins. Sharri wird eine Gebirgskette genannt, die von Albanien bis nach Mazedonien und in den Kosovo reicht. Stolz sei man auf die gemeinsame Herkunft, doch die Mitgliedschaft im Verein stehe allen offen. Von Beginn an habe es auch Spieler anderer Nationen gegeben: „Wir hatten gleich nach der Vereinsgründung einen Deutschen als Torwart in der Mannschaft“, erzählt Nebiu. „Er hat eher per Zufall zu unserem Verein gefunden, da er mit seinen alten Fußballkollegen weiterkicken wollte.“ Seitdem wurden immer wieder Fußballbegeisterte aus anderen Ländern in den Verein integriert. Oft ist es die gemeinsame Migrationsgeschichte, die verbindet.

Der Heimat den Rücken gekehrt

Migration ist ein Phänomen, das die albanische Nation stark prägt. In der Geschichte des Landes gab es immer wieder Auswanderungswellen: Vor 1944 zog es die Albaner*innen meist aus wirtschaftlichen Gründen in andere europäische Länder. Bis in die 1990er-Jahre flohen sie dann vor dem kommunistischen Diktator Enver Hoxha. Als ab 1991 Jugoslawien zerfiel, provozierte das eine weitere Fluchtwelle. Heute kehren viele Albaner*innen ihrem Land dem Rücken, weil es dort kaum Arbeitsplätze gibt. Etwa 15 % der Bevölkerung müssen von weniger als einem Dollar pro Tag leben. Dazu kommt, dass die Gesundheitsversorgung in vielen Regionen miserabel ist. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellten 2015 rund 54.760 Albaner*innen einen Asylerst- oder Folgeantrag in Deutschland.

Gründe für den Wegzug aus Albanien gab und gibt es viele. Daher kicken beim KF Sharri Fußballfans, deren Familien in ganz unterschiedlichen Jahrzehnten nach Dortmund gekommen sind. Zwanzig Jahre besteht der KF Sharri nun schon. „Die Vereinsgründung fiel gerade in einen Moment, als besonders viele Migrant*innen aus den Balkanstaaten nach Deutschland kamen“, erzählt Afrim Nebiu. „Da die meisten jedoch nur über eine befristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis verfügten, konnten sie nicht längerfristig in die Mannschaften integriert werden.“ Ähnliches passierte im letzten Jahr, als ein Mitspieler den Verein verlassen musste, weil ihm die Abschiebung bevorstand.

Dem Verein treu geblieben

Afrim Nebiu hat zuvor schon in anderen Fußballvereinen gespielt, sich jedoch noch nie so wohl gefühlt wie beim KF Sharri. In anderen Vereinen werde nach jedem Spiel ein Bier getrunken. „Hier machen wir das nicht, es zählt nur der Sport“, sagt Nebiu. Das liegt daran, dass die Mehrheit der Albaner*innen muslimischen Glaubens sind und viele von ihnen daher keinen Alkohol trinken.

Das Bedürfnis, die kulturelle Identität auszuleben, ist für viele Menschen in einem fremden Land essenziell. Der KF Sharri schlägt hier Brücken und kann den Weg zu einer neuen Identität bereiten. Aufgewachsen in Dortmund, im Herzen Albaner*in. Wovon träumen Nebiu und seine Spieler? „Einmal mit der Mannschaft nach Albanien fahren – oder vielleicht sogar gegen die albanische Nationalmannschaft spielen.“

Warum Menschen aktuell aus Albanien flüchten, könnt ihr hier nachlesen. 

Emilie Schleich
24 Jahre, Bonn
... setzt sich seit ihrer ersten Balkanreise mit den Menschen und Kulturen der Region auseinander.

Projektpartner