Lebende wie Tote

Politische Gefangene in Syrien

Die syrische Revolution fing Mitte März 2011 an, als in mehreren Städten Demonstrationen begannen. Die Syrer*innen forderten Freiheit und die Freilassung politischer Gefangener. Nach fünf Jahren schlimmster Unterdrückung ist die Zahl der Verhafteten stetig gewachsen. Es kommt weiterhin zu willkürlichen Festnahmen alle derer, die Freiheit fordern. Das Regime von Baschar al-Assad lässt sie verschwinden, foltert und ermordet sie. 

Wie im zerstörten Berlin

Diese Gefangenen reihen sich ein in das Heer der Lebenden und Toten, die in Syrien auf ihre Befreiung warten. Nach fünf Jahren, in denen Hunderttausende getötet, 6,5 Millionen innerhalb und 4,8 Millionen außerhalb des Landes vertrieben wurden und in denen Infrastruktur und Wirtschaft vollkommen zerstört wurden, ist keine Besserung in Sicht.

Yahiya* berichtet von der Belagerung seiner Heimatstadt Homs, die als ein Zentrum der Revolution gilt: „Ich habe meine Stadt unter Belagerung gesehen. Der Monat Juli 2011 war besonders zerstörerisch, weil die Armee Homs zu bombardieren begann. Sie zerstörte Häuser, tötete oder verhaftete die Bevölkerung. Am 29. Februar wurde ein Angriff auf das Viertel Bab Amro gefahren. Eine Woche lang war es heftigem Artilleriebeschuss ausgesetzt und musste ständigen Kämpfen zwischen der Free Syrian Army (FSA) und der Armee des Assad-Regimes standhalten. Diese Situation endete erst mit dem Rückzug der FSA am 3. März 2012. Am 3. Februar 2012 war schon ein Massaker im angrenzenden Viertel Khalidiyya verübt worden, bei dem insgesamt 150 Menschen im Bombenhagel des Regimes starben und über 1.000 verletzt wurden. Wer heute die Zerstörung von Homs sieht, der fühlt sich wie in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg.“

Assad hält an der Macht fest

Was die letzten fünf Jahre in Syrien passiert ist, ist eine unendliche Tragödie. Deren Ausmaß hätten sich selbst die größten Pessimisten nicht vorstellen können, als die ersten Demonstrationen in Dara’a im Südwesten Syriens begannen. Innerhalb weniger Monate eskalierten sie in blutigen Kämpfen zwischen der Assad-Regierung und der Opposition. Mittlerweile zählt die UN knapp 300.000 Verhaftete und 250.000 Tote. Während die Zahl der Geflüchteten und Vertriebenen weiterhin steigt, behauptet das Assad-Regime, es gebe nur einen Weg zur Beendigung des Krieges: die Niederschlagung der Revolution und die Festigung der aktuellen Regierung.

Es bleibt zu hoffen, dass die Befreiung der Gefangenen als wichtige politische Forderung der Syrer*innen anerkannt wird. Es geht schließlich um das Interesse des syrischen Volkes und nicht um das all jener, die sich anmaßen, im Namen der syrischen Bevölkerung zu sprechen. Können die Syrer*innen das Assad-Regime denn noch unterstützen, nachdem es doch jedes Recht gebrochen hat, nur um an der Macht zu bleiben? Das wäre vollkommen verrückt. Um es mit den Worten des Palästinensers Mahmud Darwisch zu sagen, der das Gedicht Telegramm aus dem Gefängnis schrieb, als er selbst inhaftiert war: „Ich sage den geliebten Menschen: Wir sind hier Gefangene eurer Liebe, in einer fortschreitenden Prozession. An nur einem Tag wächst die Liebe zu meinem Land um ein Jahr. Umarme mich, wie der Wind das Feuer umarmt.“

*Name von der Redaktion geändert

Übersetzung aus dem Arabischen: Dr. René Wildangel

Mehr über die Lage in Syrien erfahrt ihr hier. Wie ein Kriegsreporter von Raqqa nach Bremen kam, seht ihr in diesem Video

Abd Al-Qadir Badra
19 Jahre, Tartus
... war in Syrien selbst Aktivist.

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