Mina, Nomadin der Lüfte

Blick ins Wörterbuch

Es ist der 7. Dezember 2015. Auf Persisch bedeutet Mina „Vogel“. Mina flieht. Sie könnte aus ihrem Heimatland fortgegangen sein, weil dort das Leben von Arbeitslosigkeit und Armut bestimmt wird. Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer religiösen Minderheit könnte sie diskriminiert werden. Oder womöglich herrscht in Minas Heimat Krieg. Letztendlich steht die fiktive Protagonistin Mina für die 476.647 Menschen, die 2015 ihre Heimat verlassen und einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben.

Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wird von Migration gesprochen, „wenn eine Person ihren Lebensmittelpunkt räumlich verlegt“. Hier stehen vor allem verbesserte Lebensbedingungen im Vordergrund, die den Migrant*innen in ihrem Heimatland nicht geboten werden. Bei Mina wären das also soziale und wirtschaftliche Faktoren wie Arbeitslosigkeit und Armut. Asylbewerber*innen hingegen sind Menschen, die wegen Krieg, Terror oder politischer Verfolgung in ihrem Heimatland einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben, über den noch keine Entscheidung vorliegt.

Flüchtling – Wort des Jahres 2015

Wird der Antrag anerkannt, so gelten Asylbewerber*innen offiziell als Asylberechtigte oder als anerkannte Flüchtlinge. Das würde bedeuten, dass Mina entweder unter subsidiärem Schutz steht oder dass sie ein Flüchtling im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention ist. Das ist zumindest die Bedeutung des Begriffs Flüchtling im engeren, juristischen Sinne. Allgemein bezeichnet man aber alle Menschen, die aus der Not heraus geflohen sind, als Flüchtlinge. Bei Mina könnten das politische und religiöse Faktoren wie Krieg oder Diskriminierung sein.

Der Begriff Flüchtling ist momentan in aller Munde und hat „den öffentlichen Diskurs des Jahres wesentlich geprägt und das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich in besonderer Weise begleitet“. So lautet die Begründung der Gesellschaft für deutsche Sprache e.V., die Flüchtling zum Wort des Jahres 2015 gewählt hat. Inzwischen klingt der Begriff für sprachsensible Ohren abschätzig. Das liegt vor allem an dem Ableitungssuffix -ling. Wörter wie „Fremdling“ oder „Schwächling“ sind negativ konnotiert, andere wie „Lehrling“ oder „Schützling“ haben eine passive Komponente und drücken ein Abhängigkeitsverhältnis aus.

Einfach nur politisch korrekt?

„Diese negativen Assoziationen möchte man mit der Partizipialform Geflüchtete vermeiden“, erklärt Professor Rüdiger Harnisch, Lehrstuhlinhaber für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Passau. „Ferner schwingt Gender-Correctness mit, denn Partizipien sind wie Adjektive im Plural genus-los. Das bedeutet, dass sie ein neutrales grammatisches Geschlecht haben und deswegen gut geeignet sind, sogenannte generische Maskulina wie Flüchtling zu vermeiden“, so Harnisch.  

Das meint auch Gesa Busche vom Sächsischen Flüchtlingsrat: „Es ist wichtig Sprache zu hinterfragen und bewusst einzusetzen, denn sie konstruiert ein Bild - die Wirklichkeit.“ Begriffe wie Flüchtlinge oder Geflüchtete beeinflussten die Art und Weise, wie wir Geflüchteten begegneten. Schließlich ist Mina ist neben Migrantin, Asylbewerberin, Flüchtling und Geflüchteter vor allem eines: ein Mensch. Ihre Flucht ist nur eine Episode ihres Lebens. Sie könnte Mutter und Schwester sein. Sie könnte Medizinstudentin an einer der renommiertesten Universitäten ihres Landes sein. Und vielleicht sind Sonnenblumen ihre Lieblingsblumen.

Mehr über die unterschiedlichen Gründe für Flucht und Migration lest ihr hier. Wie das BAMF über einen Asylantrag entscheidet, könnt ihr mit Belal in diesem Video nachfühlen.  

Ella Buchschuster
23 Jahre, Bayreuth
… findet, dass Gerechtigkeit Gleichheit voraussetzt.

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