Moscheen als Schlüssel

Sie sind erste Anlaufstelle, geben Halt und Orientierung: Muslimische Gemeinschaften wie die Al-Nour-Moschee in Hamburg helfen Schutzsuchenden und Geflüchteten.

Wenn die Gläubigen nach dem Gebet mit noch offenen Schnürsenkeln die Auffahrt in den Trubel des Hamburger Stadtteils St. Georg hinauf schlendern, kann es passieren, dass ein*e Autofahrer*in plötzlich laut zu hupen beginnt. Denn unter der Moschee parken Autos. Seit 1993 gibt es die Moschee im Parkhaus in einer kleinen Einbahnstraße, die vom Bahnhofsviertel in Hamburg abgeht.

„Wir sind eine der größten Moscheen Norddeutschlands“, erklärt Abdellah Benhammou, Vorstandsmitglied der Al-Nour-Moschee Hamburgs. Das Wappen der Elb-Hansestadt an seinem Revers reflektiert das Licht der Leuchtstoffröhren der Moscheedecke. Wer sich unaufmerksam auf einem der in der Moschee verteilten Holzstühle, die einige Ältere während des Gebets benutzen, stellt, läuft Gefahr, sich den Kopf an der Decke zu stoßen. Um aus dem Parkhaus ausziehen zu können, baut die Gemeinde seit 2013 eine leerstehende Kirche um. „Hamburg braucht nicht mehr Moscheen, sondern repräsentative Moscheen. Etwas, das man von außen als Moschee erkennt und nicht als Tiefgarage oder Lagerraum“, kritisiert Benhammou. So sei man gezwungen, für die Bildungsangebote in die nahegelegene Klosterschule oder die türkische Gemeinde auszuweichen.

Nothilfe für Gestrandete – und kulturelle Erklärungen 

Dass mehr Platz notwendig ist, hat der Sommer 2015 gezeigt: „Ab August hatten wir drei Monate lang im Durchschnitt 400 bis 500 Obdachsuchende pro Nacht. Die Moschee war regelmäßig voll“, blickt Benhammou zurück. Die Obdachsuchenden? Geflüchtete aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Eritrea. „Ein Großteil war nur auf der Durchreise. Sie wollten nach Skandinavien weiterreisen. Wir haben Essen, Trinken und eine Schlafmöglichkeit angeboten.“ Doch nicht nur Nothilfe ist für die Gemeinde wichtig. Es ist ihr gleichermaßen ein Anliegen, Geflüchteten langfristig bei der Integration zu helfen.

Die Moscheen seien sehr wichtig für die Integration, ist sich Benhammou sicher: „Diese Menschen haben andere Kulturen. Sie haben andere Vorstellungen, wie man miteinander lebt.“ Dass Frauen, die im Stadtpark sonnenbaden, ihren Körper nicht verkaufen wollten, müsse man erklären. Wenn Frauen besonders nett seien, hieße dies noch nicht, dass sie Interesse hätten. „Aber das sind Sachen, die du als Deutscher nicht vermitteln kannst, sondern nur eine Gemeinde, die die Kultur kennt.“ Deshalb geht Benhammou als Mittler zwischen deutscher und arabischer Kultur in wöchentlichen Vorträgen vor Geflüchteten den Fragen nach, wie Deutschland und wie die Deutschen an sich seien.

Hilfe von Kirchen, Bäckern und Ehrenämtlern– Hand in Hand

Es sind die kleinen Dinge, die es Geflüchteten erleichtern, sich in Deutschland zurechtzufinden. „Wir haben an die Moscheegemeinde appelliert, dass jeder, der zwei oder drei Korane zu Hause hat, aber nur einen braucht, den Rest hierher bringen soll. Das hat sehr gut funktioniert“, beschreibt Benhammou das Engagement der Gemeinde der Al-Nour-Moschee. Das Essen für die Geflüchteten komme aus den Bäckereien und Geschäften in der Nähe. Die knappen Mittel seien auch ein Grund dafür, dass die meisten Gemeinden nicht direkt helfen könnten. Sie hätten entweder kaum Platz oder kaum Geld. Zumindest Platz soll es in der Al-Nour-Moschee bald geben.

Wie sich die christliche Kirche für Geflüchtete einsetzt, lest ihr im Magazin.

Florian Bunes
19 Jahre, Hamburg
... Flüchtlinge brauchen nicht nur Partner, die ihre Sprache, sondern auch ihre Kultur verstehen.

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