Nachtasyl in Uelzen

Ein Reporter*innen-Team der politikorange verbrachte eine Nacht im Bahnhof in Uelzen.

Es ist 1:48 Uhr, eine Samstagnacht im Februar in Uelzen. „In fünf Minuten kommt der Zug aus Göttingen“, sagt Dennis Riemann. „Wie immer sollen vorne, in der Mitte und hinten am Zug jeweils Leute stehen und schauen ob wir weiterhelfen können.“ Nach Mitternacht beginnt die Nachtschicht für die Helfer*innen der Bahnhofszuflucht in der Kleinstadt im Osten Niedersachsens. Dennis Reimann ist Teil der ehrenamtlichen ZuFluchts-Initiative. Je vier Freiwillige des 20-köpfigen Teams sind für eine Nachtschicht eingeteilt.

Die ZuFlucht, das sind drei Räume in einem alten Gebäude neben dem Bahnhof, eine Unterkunft für die Nachtstunden im Hundertwasserbahnhof, der im Jahr 2000 vom Künstler Friedensreich Hundertwasser renoviert wurde. Seitdem präsentiert der Bahnhof sich als „Kulturbahnhof“ mit dem Slogan „Ein Bahnhof, so schön wie ein Märchenschloss“. Wo tagsüber ein Café, eine Bio-Bäckerei und die Architektur des Gebäudes die Reisenden zum Verweilen einladen, bleiben jegliche Aufenthaltsräume und die Bahnhofshalle in den Nachtstunden im „Märchenschloss“ verschlossen.

„Sollten aus dem Zug Reisende aussteigen, die nicht mehr weiterkommen, bieten wir ihnen an, mit in die ZuFlucht zu kommen“, erklärt Cornelia. Oft sei es nicht einfach zu erklären, dass man als Helfer keine bösen Absichten habe. „Deshalb haben wir, die Helfer, auch möglichst immer Übersetzer dabei.“ In dieser Nacht erklären Majid O. und Nafii Munahe den gestrandeten Fahrgästen auf Arabisch, dass eine kostenlose Schlafmöglichkeit und Verpflegung bereitgestellt werden. Die beiden Übersetzer sind selbst erst vor wenigen Monaten nach Deutschland gekommen.

Lange Umstiegszeit

Die Gründe, warum seit Herbst 2015 besonders oft Geflüchtete in Uelzen die Nacht verbringen, sind unterschiedlich. Die Stadt ist einerseits ein wichtiger Knotenpunkt – zwei wichtige Züge des niedersächsischen Nahverkehrs aus Hamburg und Hannover enden hier. Die Nahverkehrsstrecke zwischen Hamburg und Göttingen ist in den letzten Monaten zu einer beliebten Strecke bei Geflüchteten geworden. „Es gibt außerdem Verständigungsprobleme am Bahnhof, so, dass die Leute nichts von dem langen Aufenthalt wissen“, sagt Joost Rot, Helfer und Initiator der privaten Initiative. Auf Tickets vom Schalter und Automaten falle die lange Umstiegszeit den Geflüchteten oftmals nicht auf.

Für gestrandete Geflüchtete blieb Ende Herbst, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, die Bahnhofsunterführung als einziger trockener Aufenthaltsraum. Bis zum 23. November 2015, als Joost Rot den Zugang zu den Räumlichkeiten im alten Nebengebäude bekam. Danach wurden die Matratzen, Decken und heißen Getränke nicht mehr im feuchten Bahnhofsgang, sondern in den neuen Räumlichkeiten verteilt. Die ZuFlucht bietet die Möglichkeiten zu Duschen und Wäsche zu waschen. Lebensmittel, Kleidungsstücke und Pakete mit Hygieneartikeln werden für die Weiterreise bereitgestellt.

In dieser Nacht sind vier Reisende im ersten Stock des Nebengebäudes untergebracht: Zwei junge irakische Männer, ein Mann und eine Frau aus Syrien. „In anderen Nächten hatten wir auch schon über 30 Reisende“, sagt Joost. Eine dänische Schulklasse strandete in der kurzen Geschichte der Unterkunft auf dem Rückweg ihrer Klassenfahrt. Seit November wurden mehr als 650 Personen beherbergt.

Joost Rot (r.) im Gespräch mit Antonia Wegener im NachtAsyl. Foto: Jonas Walzberg.

Konkrete Hilfe statt langer Diskussionen

Im großen Aufenthaltsraum stehen vier alte Schultische in einer langen Tafel mit Obst- und Keksschalen. Joost versucht jeden Reisenden persönlich zu begrüßen und lädt die Gäste zu Eintopf und Tee ein oder bietet ihnen Schlafplätze an. Die zwei irakischen Männer möchten direkt schlafen gehen, sie wollen mit dem ersten Zug gegen 4:00 Uhr über Hannover weiter Richtung Köln fahren.

 „Wir fragen rein aus Interesse, wohin die Reise eigentlich gehen soll“, sagt Cornelia. Viele Geflüchtete seien auf der Weiterreise nach Skandinavien. „Unsere Aufgabe ist es, eine warme Unterkunft für ein paar Stunden zu bieten und niemanden auszufragen, was er vorhat.“ Für Cornelia sei genug über europäische Grenzschließungen und Obergrenzen von Flüchtlingen diskutiert worden. Politik stehe in der ZuFlucht nicht im Mittelpunkt. „Was bringen uns Debatten, wenn Leute, besonders Kinder, hier stundenlang nachts am Bahnhof stehen müssen und frieren?“, sagt sie.

Auch die Bahngesellschaft stellt sich auf das Problem in Uelzen ein: Die nächtlichen Gäste dürfen in den ersten Metronom-Zügen nach Absprache zwischen ZuFlucht und Metronom auch ohne Ticket fahren. „Wir können als Unternehmen nicht nur Umsatz machen, sondern haben auch eine soziale Verantwortung“, sagt Björn Pamperin, Pressesprecher der Metronom-Gesellschaft. „Wir haben die Räume der Initiative Anfang Dezember anstreichen lassen und Matten gespendet.“ In Kooperation mit der Diakonie hat die private Bahngesellschaft drei Mitarbeiter*innen für die Initiative eingestellt. „Im gesamten Schienennetz haben wir für ähnliche Initiativen insgesamt 25.000 Euro als Spenden aufgewendet,“ sagt Pamperin.

Mit dem ersten Zug geht die Reise am frühen Morgen weiter. Foto: Jonas Walzberg.

Ungewisse Zukunft

Bis die ZuFlucht Zugang zu den Räumen im alten Nebengebäude bekam, dauerte es nur wenige Tage. Danach wurden die Matratzen, Decken und heißen Getränke nicht mehr im feuchten Bahnhofsgang, sondern in den jetzigen Räumlichkeiten verteilt. Ob das Nachtasyl weitergeführt wird, ist jedoch nicht sicher. „Ich könnte mir vorstellen, dass es in den Sommermonaten geschlossen wird“, sagt Joost Rot. Nachvollziehbar wäre diese Maßnahme für ihn nicht.

Die Zusammenarbeit aller beteiligten Akteur*innen gestalte sich kompliziert. Die Mietverträge, Haftungen und Verantwortlichkeiten seien sehr undurchsichtig und die Interessen verschieden. „Einen runden Tisch zwischen uns Privatleuten, Stadtverwaltung, Bahnhofsmission, Diakonie und den Bahnunternehmen gab es bisher nur ein einziges Mal und steht in naher Zukunft nicht an“, sagt Rot.

3:45 Uhr, Joosts Handywecker klingelt. Er bittet Nafii die zwei Iraker aus ihrem kurzen Schlaf zu wecken. Der erste Metronom Richtung Göttingen über Hannover verlässt pünktlich am Samstagmorgen um 4:16 Uhr auf Gleis 301 den Hundertwasserbahnhof.

Den passenden Videobeitrag "Die Welt im Zug" - im Metronom zwischen Hamburg und Uelzen - seht ihr hier.

Antonia Wegener
20 Jahre, Lüneburg
… hat noch nie viel von Märchenschlössern und Prinzen gehalten.

Projektpartner