"Nicht nur Nummern und Zahlen"

Kurt Willi Dietel, 50, ist seit 1998 Sozialpädagoge in der Von Bodelschwingsche Stiftung Bethel, einer diakonischen Einrichtung, die unter anderem eine Clearinggruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) in Bielefeld betreut. In der Gruppe „WG Libanon“ begleitet Willi Dietel 23 junge Geflüchtete zwischen 15 und 18 Jahren. Einer davon ist Majd aus Syrien. Für Majd ist Willi Dietel eine Vaterfigur, „Baba Willi“. Im Interview spricht der Sozialpädagoge und selbst Vater eines Sohnes, über seine Arbeit in der Clearinggruppe.

Herr Dietel, für Majd sind Sie eine Vaterfigur, er nennt sie „Baba Willi“. Können Sie Majds Familie ersetzen?

Nein, das kann ich nicht. Ich mag Majd, kann seinen Vater aber nicht ersetzen und wünsche mir, dass seine Eltern in Deutschland sein könnten. In seinem Fall könnte das vielleicht sogar klappen. Natürlich fühle ich mich geehrt, dass Majd mich ‚Baba Willi‘ nennt. Er wird auch manchmal eifersüchtig, wenn andere ebenso ‚Baba Willi‘ zu mir sagen. Majd und die anderen Kinder, die ich betreue, sind mir sehr wichtig. Ich möchte sie nicht einfach weiterreichen, sondern verantwortungsbewusst mit ihren Situationen umgehen, sie sind keine Nummer oder Zahlen.

Majds Muttersprache ist arabisch, Ihre deutsch. Wie kommunizieren Sie miteinander?

Majd spricht schon etwas Deutsch und ich sage ihm jeden Tag, dass er weiter Deutsch lernen soll – was er auch macht. Er spricht auch Englisch und über Missverständnisse können wir miteinander reden. Ansonsten arbeiten wir in Bethel auch mit Dolmetschern und Übersetzern.

Inwiefern können Sie Majd unterstützen?

Zum einen, dass ich für ihn da bin, mich kümmere, ihn wahrnehme. Dann spreche ich für ihn mit Institutionen und Behörden, vertrete seine Interessen. Er ist mir nicht egal, genauso wenig wie die anderen Kinder und Jugendlichen, die ich betreue. Als Bezugsmitarbeiter habe ich fünf Jungen in der Gruppe, für die ich federführend verantwortlich bin. Majd ist einer davon.

Was wünschen Sie sich für Majd?

Dass er ein gutes Leben führen kann, in dem er sich wohl fühlt, dass er für sein Leben selbst verantwortlich sein kann, sagen kann, was er will – er ist ein freier Denker – und in Deutschland einen guten Start hat. Ich wünsche mir für ihn das, was ich mir für uns alle wünsche.

Was denken Sie, was Majd besonders gut kann?

Majd spielt gern Badminton und er ist gut im Programmieren und Kommunizieren. Außerdem ist er sehr geduldig und in keinster Weise unverschämt, auch, wenn ihm etwas nicht gefällt. Er hat ein sehr feines menschliches Gespür, eine feine Art und ist ein sehr ehrlicher Junge.

Welche Schwierigkeiten gibt es im alltäglichen Leben in der „WG Libanon“?

Wir haben 23 Jungs aus verschiedenen Ländern in der Gruppe. Es gibt ein paar kulturelle Unterschiede, zum Beispiel bei der Toilettennutzung. Es sind ein paar dieser ‚deutschen‘ Sachen, und ich muss dabei auch schauen, dass ich auf die Bedürfnisse der Jungs so eingehe, wie sie es bisher gewohnt waren. Zum Beispiel, dass man sich anstatt Toilettenpapier zu nutzen den Hintern mit einer Art Gießkanne ausspült. Insgesamt leiste ich viel Vermittlungsarbeit, auch zwischen den religiösen Gruppen. Es ist mein täglich Brot, aber wir sind auf einem sehr guten Weg: Dank regelmäßiger Gespräche können wir Konflikte lösen und gegenseitigen Respekt und Toleranz fördern.

Wie Kurt Willi Dietl dem junge  Syrer Majd in Deutschland unterstützt und warum Majd ihn "Baba Will" nennt, lest ihr hier.

Mohammed Swed, Hazm Mater und Claudia Hammermüller
33, 15 und 26 Jahre, Damaskus und Dresden
... konnten sich auch ohne eine Sprache, die alle drei sprechen, gut verständigen.

Projektpartner