Wo ist meine Familie?

Geflüchtete Kinder

„Vor drei Monaten und zwei Wochen bin ich mit dem Zug nach Stuttgart gekommen“, erzählt Alireza*. „Ein anderer afghanischer Junge am Bahnhof sagte mir, er wurde in Griechenland von seiner Familie getrennt. Er war ganz verzweifelt.“ Auf der Flucht nach Deutschland werden viele Familien auf diese Weise auseinandergerissen. Grenzkontrollen, überfüllte Bahnhöfe... Es gibt viele heikle Stellen, an denen immer wieder Ehepartner*innen oder Geschwister voneinander getrennt werden. Oder auch Kinder von ihren Eltern. Für sie ist diese Situation besonders schlimm. Alireza wollte dem Jungen am Stuttgarter Bahnhof damals sein Handy geben, um seine Eltern anzurufen. Aber der hatte die Nummer nicht mehr.

Hilfe vom Roten Kreuz

Für solche Fälle ist der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) zuständig. Rebekka Eßlinger ist die Koordinatorin in Baden-Württemberg. Seit die Zahl der Suchanfragen im letzten Jahr enorm angestiegen ist, führt sie aber auch selbst Beratungsgespräche mit Suchenden. So etwas dauert etwa eineinhalb Stunden. Eßlinger bemüht sich, einen Termin schon nach ein bis zwei Wochen Wartezeit zu ermöglichen. Je nach Beratungsstelle kann das aber auch länger dauern. Und ohne persönliches Gespräch wird keine Suchanfrage angenommen.

Rebekka Eßlinger ist seit zwei Jahren beim DRK dabei. In ihrem ersten Jahr hatte sie noch gar keine Suchanfragen, inzwischen hat sie rund 16 bearbeitet. Nach ihrer persönlichen Einschätzung handelt es sich bei 80 Prozent der Suchenden um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF): „Jugendliche sind schutzloser. Denen wird schneller einmal das Handy abgenommen als einem Erwachsenen“, erklärt sie.

Glückstreffer oder lange Ungewissheit

Manchmal klären sich Suchanfragen schneller als erwartet. Für drei Geschwister, die auf der Flucht ihre Eltern verloren hatten, konnte der Termin beim Suchdienst abgesagt werden. Die Jugendlichen fanden ihre Eltern in Mannheim wieder. „Manchmal sagen Geflüchtete auch bewusst nicht gleich alles, was sie wissen“, erklärt eine Ehrenamtliche, die als Vormund für unbegleitete Minderjährige arbeitet. Oft stelle sich erst später heraus, dass die Kinder doch noch Kontakt zu den Verwandten hätten, wenn auch über Umwege. Doch so einfach ist es leider nicht immer.

In den meisten Fällen können Suchende mit einer Wartezeit von drei bis vier Monaten rechnen, bis der gesamte Prozess abgeschlossen ist. Ihre Daten werden anschließend zwei Jahre gespeichert, falls doch noch eine Registrierung in Deutschland oder im Ausland stattfindet. Manche der Suchanfragen bleiben aber trotzdem ohne Ergebnis und der Aufenthaltsort der Familie auf Dauer ungewiss.

Suchportale im Internet

Seit zwei Jahren bietet das DRK zusätzlich das Online-Portal Trace the Face an. Suchende können dort ein anonymisiertes Foto von sich hochladen. Wer möchte, kann sein Foto zusätzlich auf Plakate drucken lassen, die regelmäßig in Flüchtlingsunterkünften und an anderen Stellen aufgehängt werden. Erkennt jemand ein Gesicht wieder, kann er*sie sich beim internationalen Roten Kreuz oder beim Roten Halbmond, dem muslimischen Pendant, melden, die nach genauer Prüfung den Kontakt vermitteln. An dem Programm nehmen mittlerweile 25 europäische Gesellschaften des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds teil. Erste Erfolge kann Trace the Face schon vorweisen.

Alireza hätte dem Jungen am Stuttgarter Bahnhof gerne geholfen: „Ich habe ihm gezeigt, wo ich wohne, und habe ihm gesagt, er kann mich immer besuchen, wenn er traurig ist.“ Am nächsten Tag musste Alireza aber unerwartet in ein anderes Heim ziehen. „Als ich dort ankam, ist mir der Junge ohne Familie wieder eingefallen und ich habe mir Sorgen gemacht“, erzählt er. Alireza versuchte deshalb, den Jungen wiederzufinden: „Ich habe meinen Freunden von ihm erzählt, aber keiner kannte ihn. Jetzt habe ich immer noch ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm gesagt habe, dass er zu mir kommen kann und ich nicht mehr da war. Ich wäre gerne sein Freund geworden.“

*Name von der Redaktion geändert

Was heißt noch mal UMF? Alle Infos im Faktencheck. Wie unbegleitete, minderjährige Geflüchtete in Dortmund betreut werden, könnt ihr hier nachlesen. 

Alireza & Stefanie Glorian
15 Jahre, Masar-e-Sharif & 22 Jahre, Stuttgart
... sind froh, den Aufenthaltsort ihrer Familien zu kennen.

Projektpartner