Wie ein altes Ehepaar

"Ich sehe Ahmad nicht mehr als Flüchtling. Ich habe mir gesagt, ich frage einen Freund, ob er Bock hat, zusammen zu wohnen", sagt Fabian Winkler. Im Dezember 2015 gründete Fabian mit fünf weiteren Mitbewohner*innen im ehemaligen Haus seiner Eltern eine Wohngemeinschaft. Einer seiner Mitbewohner*innen ist Ahmad Ibrahim. Er ist Syrer und einer von über 4500 neuen Asylbewerber*innen, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2015 für Bremen verzeichnet. Da Bremen laut Sozialsenatorin Anja Stahmann hinsichtlich der Aufnahme von Geflüchteten an seine Belastungsgrenzen stößt, könnte eine Unterbringung in Privathaushalten nicht nur einen Lösungsansatz für die Wohnproblematik darstellen, sondern der erste Schritt in eine gelungene Integration sein. 

Die WG: Schwierige Charaktere treffen aufeinander

Ahmad und Fabian in ihrem Wohnzimmer. Foto: Lukas J. Herbers.

Fabian ist ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe Bremen engagiert. Der 26-Jährige unterstützt die über 90 Unterkünfte in der Hansestadt. In einer davon kreuzten sich Ahmads und seine Wege. Auf den Kontakt im Camp folgten private Treffen, es entstand eine enge Freundschaft: "Manche sagen, wir sind wie ein altes Paar", sagt Fabian. Auch wenn Ahmad in Bremen nicht wie in seiner Heimat die Universität besuchen darf, nimmt der Sportstudent Anfang 30 am Student*innenleben teil. Sein Alltag ist abwechslungsreich - gemeinsame Kochabende, Mitgliedschaft im Fußballverein und Uniprojekte sind nur Beispiele. Natürlich gibt es auch die üblichen Probleme, die ein WG-Leben mit sich bringt: "Wir sind beide sehr schwierige Charaktere mit einer Menge Konfliktpotenzial", meint Ahmad und lacht dabei.

Die Einzelwohnung: Alle sagen zu – keiner kommt

Wael Shaban ist seit 13 Monaten in Deutschland. Der 29-Jährige strahlt, als er erzählt, dass er die Prüfung für sein B1-Sprachzertifikat absolviert hat. Ein syrischer Freund hat ihm eine Erdgeschosswohnung in einem Mehrfamilienhaus vermittelt. Klein, gemütlich. Seit November 2015 nennt er Bremen sein Zuhause. Doch der Start war schwierig, erzählt er: "Ich habe mich gleich in der Nachbarschaft vorgestellt und meine Nachbarn zum Essen eingeladen. Sie haben zugesagt. Ich hatte eingekauft und syrisch gekocht, doch keiner ist gekommen." Mittlerweile hat Wael Kontakt zu einem Nachbarn. Außerdem lernte er eine ältere Dame in der Kirche kennen -  an den Weihnachtstagen haben sie sogar zusammen gekocht. "Allein zu wohnen bedeutet auch, sich einsam zu fühlen. Ich fühle mich trotzdem willkommen. Manche Leute haben einfach nicht so viel Kontakt mit ihren direkten Nachbarn", fügt der Arzt aus Syrien hinzu.

Wael in seinem Wohnzimmer. Foto: Lukas J. Herbers.

Der Untermieter: Privatsphäre trotz gemeinsamen Wohnens

"Sie sind wie eine Familie für mich", sagt Abdou O. Der 30-Jährige lebt seit November 2015 in Deutschland, einen Großteil davon hat er in Sammelunterkünften verbracht. Seit Ende Januar 2016 wohnt er in einer Einliegerwohnung im Haus von Rebecca Aleff und ihrer Frau. Abdou berichtet erleichtert, wie froh er über ein Stück Privatsphäre sei. Natürlich ereignen sich aufgrund kultureller Unterschiede manchmal merkwürdige Situationen, sagt Rebecca und erzählt mit einem Schmunzeln: "Da gibt es zum Beispiel die Momente, in denen beide vor der Tür warten, bis der andere durchgegangen ist oder wenn er mich nicht meine Taschen tragen lässt, obwohl ich es gewohnt bin, selbstständig zu sein". Viel Erfahrung im Zusammenleben haben die beiden noch nicht, aber Abdou ist zuversichtlich: "Es gibt nichts, das nicht mit Gesprächen gelöst werden kann." Rebecca engagiert sich zudem vielfach in der Flüchtlingshilfe: "Es heißt nicht ,Wir helfen euch’, sondern ,Wir machen was zusammen’."  Kommunikation und gemeinsame Aktivitäten sind für die 32-Jährige auch in Zukunft der Schlüssel zu einer funktionierenden Gesellschaft.

Bei einer Freundin: Deutschunterricht von der Nachbarin

Soumar Abd Ullah kommt wie Ahmad und Abdou aus Syrien. Er hatte Glück, denn er konnte nach Absprache mit der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber und Flüchtlinge direkt in eine Privatwohnung zu einer Bekannten ziehen. Durch einen gemeinsamen Freund lernten sie sich in der Türkei kennen, schnell entstand eine Freundschaft. Seit November 2015 lebt er bei ihr in Bremen und genießt das Zusammenleben. "Auch die Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft ist riesig", berichtet der 29-Jährige glücklich. Einer seiner Nachbar*innen bot ihm sogar Deutschunterricht an. Fitnesstraining und Unterricht, Treffen mit Freund*innen und Deutschlernen – langweilig wird es nicht. Auch sonst ist Soumar sehr zufrieden mit seiner Wohnsituation und sieht in seiner Mitbewohnerin eine gute Freundin, mit der er zwar keine Hobbys teilt, aber dennoch eine gute Zeit verbringt. Zum Zusammenleben mit einer Frau bemerkt Soumar noch scherzhaft: "Immerhin ist es zu jeder Zeit sauber." Aber natürlich helfe er auch im Haushalt. Ein Geben und Nehmen.

Allen gemeinsam: Endlich leben

In den Wohngemeinschaften von Ahmad, Wael, Abdou und Soumar ist die Herkunft zweitrangig. Dass das nicht überall der Fall ist, erzählt Ahmad: "Ich sehe eine Menge Rassismus. Ich kann mich daran erinnern, dass wir mit vielen Leuten ausgegangen sind und ich der einzige war, der am Eingang seine Tasche öffnen musste." Abgesehen von Vorfällen dieser Art, fühlen sich dennoch alle in ihrem neuen Zuhause wohl. Die schönen Momente überwiegen, erinnert sich auch Fabian: "Einmal saßen wir in dieser Bar auf einer Couch. Ahmad sah mich an und meinte: 'Jetzt fühle ich mich, als würde ich leben.'"

Zitate von den Autorinnen teilweise aus dem Englischen übersetzt.

Über das Wohnen in Flüchtlingsunterkünften lest ihr in "Gemeinsam auf kleinstem Raum". Wie aus Freundschaft Liebe werden kann, seht ihr in diesem Video

Anna Warda & Lea Stratmann
17 Jahre, Oldenburg & 16 Jahre, Hildesheim
... halten Wohnen als Form der Integration gerade in Zukunft für essenziell.

Projektpartner