Baba Willi

Majd, 15 Jahre aus Syrien, kam im Oktober 2015 nach Deutschland. Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (UMF) ist er in der Clearinggruppe „WG Libanon“, einer Einrichtung Der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld untergebracht. Für ihn wurden die Gruppe und sein für ihn zuständiger Sozialarbeiter Kurt Willi Dietel schnell zu einem neuen Zuhause. politikorange-Redakteur Hazm Mater, selbst 15 Jahre jung und aus Syrien, sprach mit seinem Freund Majd und schrieb dessen Geschichte auf:

Der junge Syrer Majd, 15 Jahre alt, hatte sich nie vorgestellt, in Deutschland einen Ersatz für Vater und Mutter zu finden. Im Oktober 2015 kam er alleine, ohne seine Familie, mit dem Freund seines Bruders und dessen Ehefrau nach Deutschland. Er brachte die Erinnerungen an die schlimmen Ereignisse, die er während seiner Gefangenschaft unter dem IS erfuhr, mit sich. Er hatte nicht damit gerechnet in Deutschland einen Mann im Alter seines Vaters zu treffen, der zu einer Ersatz-Vaterfigur werden würde.

Majd wollte seine Familie eigentlich nicht zurücklassen. Aber als er vom IS verhaftet wurde, mit dem Vorwurf, aktiver Teil der Widerstandsgruppe „Raqqa wird im Stillen zerstört“ zu sein und Qualen erlitt, ihm gedroht wurde, ihn vor den Augen seiner Mutter hinzurichten, sei ihm keine Wahl geblieben, sagt er. Der IS zwang ihn in der Gefangenschaft im Gefängnis Essen auszuteilen, bis sie sicher waren, dass Majd keinen aktiven Widerstand leistete, keine Gefahr darstellte. Dann ließen sie ihn frei und Majd floh nach Deutschland.

Willi erleichterte Majd den Einstieg in die Gesellschaft

In Deutschland sah er sich, alleine als Minderjähriger, mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert. Nie hatte er erwartet, dass er sich so schnell an sein neues Leben gewöhnen würde. Ohne die Hilfe und Sympathie der Deutschen in verschiedenen Bereichen, die er erfuhr, wäre dies nie gelungen, sagt er. Weiter berichtet Majd: „In dem Haus, in dem ich zurzeit lebe, habe ich einen Mann, Willi, getroffen, der mein Leben nachhaltig verändert hat. Nach und nach gab er mir das Gefühl sicher und geborgen zu sein, nachdem ich plötzlich meine Familie verloren hatte. Der Krieg in unserem Heimatland hatte unsere Familie zerrissen. Willi hat mir geholfen und wurde mit seiner Zuneigung, Großherzigkeit und Fürsorge wie ein Vater für mich.“

Über diese Beziehung zwischen Majd und seinem „deutschen Vater“, so erklärt er, habe er „all die Betreuung, die ich brauche, in einem Land, dessen Sprache ich nicht beherrsche und dessen Kultur mir fremd ist. Willi war geduldig und liebevoll, er achtet stets auf meine Bedürfnisse. Er versucht mir die deutsche Sprache beizubringen, sodass ich selbstständig werde und es mir möglich ist, mit meinen Mitmenschen zu kommunizieren und mich auszutauschen.“

Majd wartet auf die Aufenthaltserlaubnis, damit er endlich den Antrag auf Familienzusammenführung stellen kann. Aufgrund der großen Zahl an Geflüchteten und Anträgen könne sein Fall nicht so schnell bearbeitet werden. Bis dahin hofft er, dass Willi weiter für ihn da sein kann.

Der Traum eines Pharmaziestudiums

Auf die Frage, wie seine zukünftigen Pläne aussehen, während er immer mehr Stabilität in seinem neuen Leben gewinnt, antwortete Majd: „Ich träume davon, in einigen Jahren Pharmazie zu studieren. Ich werde alles dafür tun, dieses Ziel zu erreichen. Ich möchte an der Universität studieren und später in der Pharmazie-Branche arbeiten. Ich strenge mich an einen erfolgreichen Weg einzuschlagen, um das, was ich verloren habe, aufzuholen und all die Ungerechtigkeit, die ich erlebt habe, zu revidieren.“

Die Flucht Majds, die in Raqqa anfing, gleicht der Flucht tausender Syrer*innen, ein bitterer und schwieriger Weg. Majd begann seine Flucht in Raqqa mit einem Schleuser, floh über ein Dorf in Aleppo, an der syrisch-türkischen Grenze. Dort endete die Flucht vorläufig: Er wurde von der türkischen Polizei verhaftet, sein Handy wurde ihm abgenommen und zerstört und er litt unter Schlägen. „Ich gab nicht auf: Nach drei Tagen Haft und einer Zeit voller Angst davor, ins syrische Inland zurückgeschickt zu werden, konnte ich von der syrischen Grenze erneut in die Türkei entfliehen. Nach ein paar Tagen, die ich in der Türkei bei meinem Bruder verbrachte, floh ich über das Meer nach Griechenland und von dort weiter nach Deutschland. Ich ließ meinen Vater, meine Mutter und meinen Bruder in Raqaa hinter mir und mit ihnen einen wichtigen Teil meiner Erinnerungen an die Kindheit,“ sagt Majd.

Übersetzung aus dem Arabischen: Mehdi Harichane und Lara Render.

Wie Kurt Willi Dietel über seine Arbeit mit jungen Geflüchteten und seine Beziehungs zu Majd denkt, lest ihr im Interview "Nicht nur Nummern und Zahlen".

Hazm Mater und Mohammed Swed
15 und 33 Jahre, Damaskus
... fanden sich spontan zum Teamwork zusammen.

Projektpartner