Privatpersonen als Familienersatz?

Seit Sommer 2015 ist der Bedarf an Vormündern für minderjährige Geflüchtete in Deutschland drastisch gestiegen. Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes sind  allein Jahr 2015 über eine Millionen Menschen nach Deutschland geflohen. Dass unter ihnen auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) sind, weiß Sevil Dietzel, Vormundschaftsbeauftragte vom Deutschen Kinderschutzbund in Hamburg e.V. Und die offiziellen Amtsvormünder seien bereits jetzt überlastet.

Der Vormund – vom Staat bestellt

Jedem unbegleiteten minderjährigen Flüchtling steht ein Vormund zu, der vom Jugendamt gestellt wird. Die Vormünder gelten als gesetzliche Vertreter*innen und sind dazu angehalten, persönlichen Kontakt zu ihren Mündeln zu pflegen. „Eine Vormundschaft kann nicht vom Schreibtisch aus geführt werden“, sagt Dietzel.

Das gestaltet sich in der aktuellen Situation schwierig, denn der steigende Bedarf steht geringen Kapazitäten gegenüber. Der gesetzliche Betreuungsschlüssel liegt bei 50 Mündeln pro Amtsvormund – eine hohe Zahl, die jedoch seit dem Sommer 2015 in vielen Teilen Deutschlands überstiegen wird. So werden in Hamburg, nach Dietzels Einschätzung, durchschnittlich 70 Mündel von einem Amtsvormund betreut. Bei alltäglichen Angelegenheiten würden sich die jungen Geflüchteten meist auf ihre Sozialarbeiter*in in ihren Einrichtungen und Unterbringungen verlassen können. So wie beispielsweise Majd auf seinen "Baba Willi", den Sozialarbeiter seiner Wohngruppe in Bielefeld.

Die Alternative: Freiwillige Vormundschaften

Einen Ausweg bieten Privatvormundschaften. Deutschlandweit gibt es Vereine und Organisationen, die Freiwillige als ehrenamtliche Vormünder ausbilden. Sie sind Vorbild und Ansprechpartner*in in allen Lebenslagen. Während die Amtsvormünder mit den Behörden assoziiert würden, nähmen Mündel einen Privatvormund als unabhängig und positiv parteilich wahr, was eine emotionale Bindung ermögliche, so Dietzel. Besonders an der Schnittstelle zwischen Schule und Beruf könne eine Einführung in das private Netzwerk des Vormunds einen erheblichen Beitrag zur Integration des Mündels leisten.

Die Privatvormünder gehen eine große Verpflichtung ein, die sie auch vor Herausforderungen stellt. Sie fungieren als gesetzlicher Vertreter*in und unterstützen ihren Mündel im asyl- und ausländerrechtlichen Verfahren, in welchem sie im Vorfeld von Fachkräften geschult werden. Außerdem sind sie die Anlaufstelle bei allen persönlichen Sorgen und Problemen. Behutsamer Umgang und hohe Sensibilität mit den belasteten und teilweise traumatisierten Geflüchteten seien sehr wichtig. „Es ist wichtig, das bestehende Beziehungsangebot immer wieder zu wiederholen“, sagt Dietzel und bezieht sich darauf, dass der Beziehungsaufbau zwischen Mündel und Vormund nicht immer linear ansteigend verlaufe.

Auch gesetzlich wird eine private Vormundschaft gegenüber einer Amtsvormundschaft  bevorzugt. Das Interesse und die Bereitschaft der Hamburger*innen seien enorm, so Dietzel. Ihrer Einschätzung nach könnten bis zu einem Viertel der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Hamburg von einem Privatvormund betreut werden. Doch um dem Engagement der Bürger*innen gerecht zu werden, fehlt es wiederum an offiziellen Stellen, die für die Ausbildung und Betreuung der Privatvormünder zuständig sind.

Über die Schwierigkeiten der Vormundschaftsfrage lest ihr auch im Magazin.

Judith Köhler
25 Jahre, Wismar
... empfindet großen Respekt für alle Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren.

Projektpartner