"Schüler zu Weltbürgern"

Das Konzept basiert auf der Verknüpfung ehrenamtlicher Integration mit neuen hauptamtlichen Tätigkeiten: Eine Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache wurde eingestellt und bereits beim Bildungsministerium beantragte Integrationshelfer*innen sollen die Mehrarbeit abfangen, die für Lehrer*innen im regulären Unterricht entsteht. Außerdem sollen Bundesfreiwillige hinzukommen um den zusätzlichen Sprachunterricht zu unterstützen. Das Konzept ist noch nicht vollständig durch die Mühlen der Bürokratie durch, das heißt, dass die Schule für die Geflüchteten bisher noch keine Gelder vom Land bekommt. (Stand Februar 2016) Trotzdem hat die Schule im Januar 2016 mit dem Programm angefangen. Man wollte die lernwilligen neuen Schüler aus Syrien und Afghanistan nicht länger warten lassen.

Selbst gestrickter Stundenplan

17 Geflüchtete gehen derzeit auf die Waldorfschule. Ursula Kirchdörfer, Deutschlehrerin und auch für Deutsch als Fremdsprache qualifiziert, erzählt, dass sie den Stundenplan für die neuen Schüler in den Weihnachtsferien kurzerhand "gestrickt" hat. Die Idee: handwerklich, künstlerisch und sportlich orientierte Fächer und der Matheunterricht werden in altersgemäßen Klassen unterrichtet. So sind 'die Neuen' im normalen Schultag integriert. Die ersten zwei Stunden aber steht für sie zusätzlich intensive Sprachförderung auf dem Programm. Wenn Fächer wie der reguläre Deutschunterricht oder die Abiturvorbereitung anstehen, bekommen die neuen Jungs nochmals in kleineren Gruppen Sprachunterricht. Ursula Kirchdörfer formuliert ihr Ziel ganz klar: "Jetzt erstmal bis zu den Sommerferien Deutsch intensiv und dann möglichst viele Leute komplett in die bestehenden Klassen eingliedern."

Schwierig könnten traumatische Erfahrungen der neuen Schüler werden: In der Anfangsphase sind Erlebnisse, die die Jungs in ihrem Heimatland und auf der Reise machen mussten, für die Lehrer*innen noch nicht sichtbar. Sie denken, dass solche persönlichen Geschichten irgendwann vielleicht von selbst erzählt werden. Herr Valentin findet, dass Waldorfschulen hierbei einen besonderen Vorteil haben können: "Die ganze Art des Unterrichts an der Waldorfschule mit den künstlerischen Aspekten, das hat in gewissem Umfang schon an sich eine harmonisierende Wirkung auf die Persönlichkeit." Er rechnet aber damit, dass bei besonders schweren Traumata vielleicht externe Hilfe eingeholt werden muss.

Matthias Valentin (r.) erarbeitete zusammen mit einer Kollegin das Integrationskonzept der Schule. Foto: Anna Rakhmanko.

Doppelte Patenschaften – und die Einbindung der Eltern

Für die Zukunft plant die Schule doppelte Patenschaften für die Geflüchteten zu organisieren. Biologielehrer Matthias Valentin erklärt, dass auf der schulischen Seite schon jeder neue Mitschüler in seiner Klasse eine*n Mitschüler*in als Pate*in hat. Außerschulisch sollen auf dem nächsten Elternabend auch Patenfamilien geworben werden, mit denen die Jungs dann einmal die Woche etwas unternehmen können. Die besondere Einbindung der Eltern sei typisch in Waldorfschulen. So gab es bereits mehrere Elternabende: "Von Anfang an haben wir die Elternvertretung da miteinbezogen", sagt Valentin. "Wir wollen nicht, dass Eltern denken, plötzlich könnten Gelder für Migranten lockergemacht werden, die vorher für Schüler nicht da waren. Allgemein sind die Eltern aber sehr offen."

Matthias Valentin ist von dem Konzept des gemeinsamen Unterrichts überzeugt. Er will seine Schüler*innen zu Weltbürger*innenn erziehen, und sieht die Integration von Geflüchteten an der Schule als Chance für deutsche Schüler*innen, ihre eurozentrische Perspektive auf die Welt zu erweitern.

Über "Die Neuen in der Klasse" lest ihr hier. Und im "Das Einmaleins der Integration" erfahrt ihr, wie die Waldorfschule in Frankfurt/Oder neue Schüler*innen aufnimmt.

Katharina Fäßler
24 Jahre, Trier
... glaubt, dass wenn sich mehr Menschen die Mühe machen würden, "die Neuen" kennenzulernen, dann gäbe es sehr viel weniger Vorbehalte gegen die "Flüchtlingssituation" allgemein.

Projektpartner