Sein oder nicht sein?

Autor Ahmed im Gespräch.

Es heißt: "Alle Wege führen nach Rom." Für Geflüchtete führen aber nicht alle Wege nach Europa und nicht alle Türen stehen ihnen offen. Da gibt es nur einen Weg und dieser Weg ist behaftet mit tödlichen Gefahren.

Die lange Odyssee beginnt mit vielen Meilen, die man zurücklegt, auf der Flucht vor Polizei und Eskapaden an Grenzübergängen, bis sie sicheren Boden erreichen. Viele Fliehende aus verschiedenen Ländern bevorzugen Deutschland mehr als andere europäische Staaten, weil es seine Unterstützung unter Beweis gestellt und viele Schutzsuchende herzlich aufgenommen hat. Für einige ist es das Paradies auf Erden, nachdem sie durch eine Hölle in ihren Heimatländern gegangen sind. In Deutschland fangen viele Geflüchtete ein neues und glückliches Leben an, wovon sie vorher lange geträumt haben.

Unter ihnen gibt es Menschen, die das, was Deutschland getan hat, als etwas Humanitäres betrachten, das man nicht ignorieren kann. Andere wiederum interessieren sich nicht dafür, Hauptsache sie können weiterleben, selbst wenn man in einem Wald oder auf einer Insel unterkommen sollte. Für sie reicht es, wenn genug Nahrung und die nötige Medizin verfügbar sind. Es gibt auch einen Teil dieser Menschen, die es als Gefallen wahrnehmen, den es eines Tages zurückzugeben gilt. Wenn wir uns den letzten Aspekt genauer anschauen, dann würden wir für einen Moment innehalten und uns fragen: Ist es nicht so, dass Deutschland samt seiner Bevölkerung es verdient, eine Gegenleistung zu bekommen, für das, was es Geflüchteten bietet?

Viele möchten arbeiten

Ahmed H. (27) arbeitete eine Zeit lang schwarz. Als ich ihn nach den Gründen dafür fragte, sagte er, dass er über keine Arbeitserlaubnis verfügte und sein Asylantrag in Bearbeitung gewesen wäre. Zu der Frage, wie er die deutsche Politik in Bezug auf Geflüchtete beurteilt, sehe er es als eine humanitäre Arbeit, die gewürdigt werden müsse. Andere Staaten müssten sich dies als Beispiel nehmen. Wenn er die Renovierung seiner neuen Wohnung abgeschlossen hat, wird er so schnell wie möglich versuchen, Deutsch zu lernen, um seinen gelernten Beruf als Tischler ausüben zu können. Er möchte vom Staat unabhängig und selbstständig sein. Ein nützliches Mitglied der deutschen Gesellschaft möchte er sein.

Ein weiteres Interview hatte ich mit Adel M. (25). Ich fragte ihn, welche Arbeit er bevorzuge: "Wenn du einer regulären Arbeit nachgehst, dann liegt der Stundenlohn bei 8,50 Euro. Dazu gibt es steuerliche Abgaben, welche von deinem Gehalt abgezogen werden. Dadurch sinkt dein Stundenlohn auf sieben Euro, wovon du deine Miete und alle Nebenkosten zahlen musst. Im Endeffekt bleibt einem nicht viel übrig", sagt er.

Studium bevorzugt

Weiterhin besuchte ich ein Sprachzentrum für Geflüchtete und traf auf einige junge Leute und Lehrer. Asif (26), ein Bachelorabsolvent in Kunst, möchte gerne seinen Master absolvieren und nebenbei arbeiten, um sich zu finanzieren. Deutschland leiste mehr als genug, so Asif, weshalb er motiviert sei, sein Bestes zu geben, um diesen Gefallen zu erwidern.

Sascha Veldung ist seit November 2015 als Deutschlehrer im Sprachezentrum in Hammerbrook, Hamburg, tätig. Er wird den Kurs bis Februar begleiten. Auf die Frage, wie er die Kursteilnehmer – nur Männer – einschätze, antwortete er: "Sie lernen schnell." Viele von ihnen sind jung und haben die Leistungsfähigkeit, sprachliche Elemente wie Zeitformen und Fälle zu verstehen und nachzuvollziehen. Ich verbringe viel Zeit mit ihnen und bin davon überzeugt, dass jeder Einzelne von ihnen die Fähigkeit hat, das Beste aus sich herauszuholen um eine wichtige Rolle in der Gesellschaft einzunehmen.

Die genannten Beispiele sind nur die Spitze des Eisbergs. Menschen sind so verschieden wie die eigenen Finger. Jede hat seine eigene Denkmethode und hat eine eigene Zukunftsvorstellung. Viele von ihnen können positiv und unterstützend sein und andere wiederum eine Last für den Staat. Letzteres ist nicht sehr abwegig. Jeder Geflüchtete kommt aus einer anderen Umwelt und Kultur und bringt eine bestimmte Tradition mit. Nun sind sie in einer Phase, wo sie diese Dinge „updaten“ aber nicht gänzlich aufgeben. Eine Formatierung des Menschen ist nicht möglich. (Sofern man das so beschreiben darf.) Die bürokratischen Abwicklungen und Routinen allein reichen nicht aus.

Unsere Pflichten und seine Pflichten

Die Gesellschaft muss sich auch annähern und öffnen. Man muss sich mit untereinander austauschen und versuchen zu verstehen, wie andere denken und vor allem worüber. Man muss vermeiden, schnelle Urteile aufgrund des Aussehens oder der Herkunft zu fällen. Man darf nicht verallgemeinern und von einem Individuum auf alle schließen. Wünschenswert wäre es, auf Dinge aufmerksam zu machen, die als selbstverständliche oder verpönte Handlungen gelten. Geflüchtete allein können nicht differenzieren und aussuchen. Die Problematik mit der Geflüchtete momentan konfrontiert sind, ist ein stiller Hilferuf, den man mit vier Wörtern zusammenfassen kann: Sein oder nicht sein?

Lasst uns der Frage näher kommen. Lasst uns bei der Wahl der richtigen Antwort behilflich sein, welche ist: Du musst sein.

Übersetzung aus dem Arabischen: Mohammed Nousair

Ahmad Hussein
29 Jahre, Damaskus
„Life is great, if you know how to live it.“

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