"Vieles ist ungeklärt"

Minderjährige Geflüchtete, die ohne Begleitung nach Deutschland kommen, werden bundesweit verteilt. Im Saarland wurde im Februar 2016 das erste Vorclearingzentrum Deutschlands in Betrieb genommen, das die Ankunft unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge (UMF) im Bundesland zentral regelt. Die saarländische Sozialministerin Monika Bachmann ist von dem Konzept überzeugt und plädiert für bundesweit einheitliche Standards.

Anfang 2016 lebten über 60.000 UMF in Deutschland, wie der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF) angibt. Sie kommen hauptsächlich aus Afghanistan, Syrien, Irak, Eritrea und Somalia. Von Krieg und Flucht geprägt hoffen sie in Deutschland auf bessere Lebensbedingungen und aussichtsreichere Zukunftsperspektiven als in ihren Heimatländern.

Viele junge Geflüchtete betreten am Saarbrücker Hauptbahnhof zum ersten Mal deutschen Boden. Dass viele UMF im Saarland ankommen, liege insbesondere an der Grenznähe zu Frankreich, sagt Monika Bachmann: "Zusätzlich kommen im Saarland sehr viele unbegleitete minderjährige Ausländer an, die hier Angehörige haben."

Vom Bahnhof ins Vorclearingzentrum

Der erste Kontakt zu deutschen Behörden ist für Geflüchtete am Saarbrücker Bahnhof die Bundespolizei. Bisher ging es für UMF dann weiter zum Saarbrücker Jugendamt, denn es galt: Die UMF werden von dem Jugendamt betreut, in dessen zugehöriger Kommune sie sich aufhalten. Das hat sich seit Februar 2016 geändert: Im Saarland gibt es nun eine zentrale Anlaufstelle, den Schaumberger Hof in der 12.000-Einwohner-Gemeinde Tholey. In dem ehemaligen Therapiezentrum hat das saarländische Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie ein zentrales Vorclearingzentrum eingerichtet.

Im Laufe des Vorclearings wird festgestellt, ob die Jugendlichen an einem Verteilverfahren teilnehmen können. Sie werden dazu von sozialpädagogischen Fachkräften betreut und medizinisch untersucht. "Die ärztliche Betreuung der Jugendlichen, pädagogische Ansätze der Jugendhilfe, sowie die pädagogische Versorgung und Unterbringung erfolgen unter einem Dach. Das Zentrum hat den Vorteil, dass das Vorclearing sehr schnell durchgeführt werden kann", berichtet die saarländische Sozialministerin. Sie sieht jedoch nicht nur Positives in der aktuellen Situation: "Vieles ist ungeklärt. Vieles, was im Jugendhilferecht gesetzlich normiert ist, passt nicht auf die Herausforderungen zu Integration, Betreuung und Einbindung von unbegleiteten Minderjährigen in unsere Gesellschaft."

Ungewöhnlich viele UMF kommen im Saarland an

Nach etwa einer Woche werden die jungen Geflüchteten nach dem Königsteiner Schlüssel auf andere Bundesländer verteilt. Diese Regelung wurde im November 2015 neu eingeführt, da einzelne Jugendhilfeeinrichtungen eine geeignete Betreuung der Minderjährigen nicht mehr gewährleisten konnten. Monika Bachmann hält die Neuregelung für sinnvoll: "Das neue Meldeverfahren war wichtig, denn es hat Klarheit geschaffen, was Finanzierung und Verteilungsschlüssel betrifft. Vorher war nicht klar, wie die Gesamtlage in Deutschland überhaupt ist." Im Saarland leben nach Angaben des Sozialministeriums über 1.280 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Damit liegt das Bundesland weit über seinem Soll von 833 UMF und muss keine weiteren mehr aufnehmen (Stand: Februar 2016).

Vom Vorclearingzentrum geht es weiter in andere Bundesländer. Foto: Anna Rakhmanko.

Für viele der Jugendlichen geht es daher von Tholey aus weiter in andere Bundesländer, die ihre Quote noch nicht erfüllt haben. Die bundesweite Verteilung ist wie das zentrale Vorclearingzentrum eine organisatorische Herausforderung, der Monika Bachmann jedoch optimistisch entgegensieht: "Wir haben in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass wir alles schaffen können, wenn wir als Gesellschaft zusammenstehen. Wichtig ist jedoch, dass bundesweit einheitliche Standards für die Unterbringung und Versorgung der unbegleiteten Jugendlichen geschaffen werden."

Maximilian Gerhards
17 Jahre, Neef
… weiß nun, wie wichtig langfristige Terminabsprachen sind.

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