Vom Paradies ins Exil

Wenn man die Wohnung Othman Matars und seiner Familie in Saarbrücken betritt, begegnet einem syrische Gastfreundschaft. Noch in der Tür empfängt uns seine Frau Fawzeyah mit einem großen Lächeln und der Frage, ob wir bereits zu Mittag gegessen hätten. Sofort macht sie sich daran, uns Kaffee zuzubereiten. Ihr Lächeln hält jedoch nicht lange an: Sie spricht von ihrem Sohn, der vom Islamischen Staat (IS) gefangen genommen wurde, vom Gefühl der Fremde fern von ihrer Heimat, ihrer Familie in Syrien, die noch immer unter den Bombardements und der Zerstörung leidet.

Letzter Hoffnungsschimmer

Familie Matar ist die einzige syrische Familie in einem Haus, dessen Bewohner*innen größtenteils deutsch sind. Trotz der immensen Freundlichkeit seitens ihrer deutschen Nachbar*innen fühlen sie sich, als wären sie "vom Paradies ins Exil'' geflohen.  Auf der Suche nach einem sicheren Ort und besseren Lebensbedingungen kam Othman Matar mit seiner Frau und seinem Sohn Hazm, 15 Jahre alt, Mitte 2015 mit einem Visum in Deutschland an. Ihre erste Station war München, dann sollten sie ins Saarland umziehen. Othman hat vier Söhne, der älteste von ihnen ist Journalist in der Türkei, der zweite ebenfalls Journalist, in Berlin. Der dritte übte denselben Beruf aus, wurde jedoch vom IS gefangen genommen. Der vierte und letze Sohn, Hazm, kam mit seinem Vater nach Deutschland.

Othman, 60 Jahre alt, sagt, es sei nicht das erste Mal, dass sie das Gefühl der Fremde verspüren. In Istanbul, unter Menschen, deren Sprache sie nicht verstehen, haben sie oft darüber nachgedacht, in ihr Land zurückzukehren. Doch als der IS ihre Heimatstadt einnahm und ihr Sohn in Gefangenschaft geriet, war auch der letzte Hoffnungsschimmer verloren. Ihre Heimatstadt Raqqa wurde Zentrum des Islamischen Staates im Irak und Syrien (ISIS). Zusätzlich beschloss die internationale Gemeinschaft, Standorte des IS zu bombardieren, die zwischen Häusern von Zivilist*innen liegen.

Angst trotz Sicherheit

Othman erzählt, dass Deutschland sie gut aufgenommen habe. Die Menschen behandelten sie sehr freundlich. Trotz der Sprachdefizite, die eine Hürde darstellen, könne man sich mit Zeichen und einigen englischen Wörtern verständigen.

Dass Fawzeyah, 50 Jahre alt, ein Kopftuch trägt, spielt für die Bürger*innen Saarbrückens keine Rolle. Im Gegenteil: Sie behandeln sie mit Respekt, grüßen sie und helfen bei Fragen nach dem Weg. Trotzdem fühlt sich Fawzeyah nicht wohl. Eine fremde Sprache zu lernen und in einer völlig fremden Kultur zu leben, macht ihr Angst. Sie sorgt sich um ihre 14 Brüder und Schwestern, die noch in Syrien sind, und vor allem um ihren vom IS inhaftierten Sohn. Als sie über ihn spricht, kann sie die Tränen nicht zurückhalten: "Ich habe keinen Weg ausgelassen, um meinen Sohn zu befreien. Aber mein Sohn ist Pressefotograf und Fotos machen dem IS mehr Angst als Waffen", sagt sie. Mohammad Noor ist nicht die einzige Person, die sie im Krieg verloren hat. Ihr jüngerer Bruder und ihr Neffe sind unter den Bomben des syrischen Regimes umgekommen. Jeden Tag lebt sie mit der Angst um ihre Familie und ihre Heimat.

Fawzeyah und ihr Sohn Hazm sind in Saarbrücken sicher, viele Freunde und Verwandte in Syrien sind es nicht. Foto: Anna Rakhmanko

Ihrem Mann Othman fällt es leichter, sich den Umständen anzupassen. Jedoch ist seine Trauer über seinen verlorenen Sohn stets präsent. So sieht man ihn auch auf Othmans Profilbild bei Facebook. Die Freundlichkeit und Offenheit der Nachbar*innen sei für ihn eine große Hilfe schnell in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Tatsächlich haben sie ihre Nachbar*innen bereits zwei Mal zum Essen eingeladen und werden von ihnen mit dem einzigen ihnen bekannten arabischem Wort gerufen: Habibi. Der Glaube der Familie Matar wird von ihnen respektiert. Für Othman ist das ein wichtiger Aspekt, schließlich seien sie geflohen, um Sicherheit zu finden. Nicht einmal die arabischen Golfstaaten mit ihren muslimischen Gesellschaften seien bereit gewesen, Othman und seine Familie aufzunehmen.

Verschiedene Mentalitäten

Mit einem Lächeln stellt Othman fest, dass die deutsche Gesellschaft trotz allem distanzierter sei. Die Menschen arbeiteten einfach zu viel. Nur bei älteren Menschen sei es das Gegenteil und eine "offene arabische Mentalität" zu spüren. Einmal setzte sich eine ältere Dame zu Fawzeyah in die Bahn und redete zehn Minuten auf sie ein. Erst zum Schluss entdeckte sie, dass Fawzeyah gar kein Deutsch versteht. Sie lachte herzlich, als ihr aufging, dass sie praktisch nur mit sich selbst gesprochen hatte. Fawzeyah weiß von einer weiteren Begegnung zu berichten: Eines Abends habe sie eine Passantin mit einem "Guten Morgen!" gegrüßt, woraufhin diese herzlich lachte.

Othman Matar serviert Gästen gern Tee und Kaffee. Foto: Anna Rakhmanko

Doch Fawzeyah erinnert sich auch an traurige Momente. Zum Beispiel, als sie mit ihrer Familie in einem Restaurant saß und ein junger deutscher Mann ihrem Sohn fünf Euro zugesteckte. Othman erklärt, dass die Syrer*innen aus Angst um ihr Leben geflohen seien, nicht weil sie verhungerten. Sie alle hatten ein Leben in Syrien, hatten Zeugnisse und übten Berufe aus. Er selbst sei Tierarzt gewesen.

Über die Zukunft seines Sohnes Hazm mache er sich keine Sorgen. Viele Syrer*innen behaupteten, dass kleine Kinder dazu neigten, sich von ihrer Religion zu distanzieren. Othman ist sich jedoch sicher: Wer in der Heimat seinen Glauben bewahren und leben kann, könne das überall.

Familie Matar möchte in eine sichere Heimat zurückkehren. So wünscht sich Fawzeyah von allen jungen Syrer*innen: "Sobald sich die Lage in unserer Heimat beruhigt, kehrt zurück! Baut ein neues Land auf! Ein friedliches Land, wie wir es uns vorstellen. Nicht wie andere es haben!"

Übersetzung aus dem Arabischen: Sama Younes.

Auch Familie Farukh ist in Deutschland nicht glücklich. Warum lest ihr in "Ohne Arbeit ein Albtraum".

Lubna Issa
28 Jahre, Syrien
… wünscht sich, endlich die letzte Folge aus der Tom&Jerry-Cartoons zu sehen.

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