Vom Schüler gelernt

"Hast du die Hausaufgaben gemacht, Bader?" Das war die einzige Frage, die Bader Mahfouz von mir bisher kannte. Der 30-jährige Syrer besucht seit Dezember 2015 einen Deutschkurs, den ich unterrichte. Die Geschichte seiner Flucht, seines Zwillingsbruders und seiner schwer behandelbaren Augenverletzung kannte ich nicht.

Bader steigt aus dem Bus und läuft zielbewusst auf mich zu. Es ist angenehm und seltsam zugleich, dass wir uns außerhalb der Schule treffen. Als wir uns begrüßen, legen wir unsere rechten Hände auf unser Herz. Bader ist religiös und betet regelmäßig, deswegen würde seine Teilwaschung durch die Berührung mit einer Frau ungültig werden.

Politisch verfolgt

In Syrien war Bader politisch aktiv, denn er leitete ein Medienbüro. Er habe dort mit Reportagen über das Verbrechen der syrischen Machthabers Al-Assad berichtet. Er wisse, dass auch sein Name auf der Liste jener stand, die von den Regierungstruppen gefangen genommen werden sollen: Viele seiner Bekannten seien verhaftet worden und im Verhör habe man nach ihm gefragt. Schließlich war er gezwungen, sich eine zweite Identität anzueignen. Mit seiner Familie lebte er in einem belagerten Gebiet. Seine Eltern und Geschwister, darunter seinen Zwillingsbruder, ließ er zurück. Die Entscheidung zur Flucht fiel ihm schwer. Beim Erzählen seiner dreitägigen Reise knödelt Bader ein Stück Papier in seinen Händen. Sein Blick wandert immer wieder zum Tisch. Nach einer kurzen Pause erwähnt er, dass er und seine Reisegruppe schließlich die türkische Grenze erreicht hatten, mit der Unterstützung von Schleppern.

Medizinische Behandlung

Sein Zwillingsbruder habe Bader dazu motiviert, Syrien zu verlassen und sogar Baders Papiere erledigt. Denn sein Bruder möchte unbedingt, dass Bader sich medizinisch behandeln lässt. Bader ist am linken Auge von einer Bombe getroffen worden und habe ein Splitter abbekommen. In Syrien habe er bereits drei Operationen gemacht. Ein syrischer Arzt meinte, dass er unbedingt das Land verlassen müsse, um sich weiter behandeln zu lassen. Denn die medizinischen Möglichkeiten in Syrien seien begrenzt. Als er in Deutschland ankam, hat er einen Arzt besucht. Allerding könne er nicht operiert werden, da seine Unterlagen noch nicht fertig seien.

Kein Strom, kein Wasser, keine Heizung

Natürlich vermisse er seine Familie, vor allem seine Mutter. Den Fluchtweg traut er ihr allerdings nicht zu, weil sie eine alte Frau ist. Es bestehe aber die Überlegung, dass sein Zwillingsbruder nachkomme. Zu ihm hat Bader eine besondere Bindung: "Immer wenn ich mit ihm zusammen bin, fühle ich so, als ob wir nicht erwachsen geworden sind." Sie pflegen täglich Kontakt, zum Beispiel über WhatsApp. Bei der Frage, was sein erster Eindruck von Deutschland ist, nickt er, bevor er überhaupt etwas sagt. Die Wolkenkratzer, die er sich vorgestellt hatte, habe er nicht gesehen, dafür aber viele nette Menschen kennen gelernt. Das größte Problem sei die Sprache. Aber im Vergleich, was er in Syrien gesehen habe, sei es hier gut. Syrien und Deutschland seien nicht vergleichbar, die existentiellen Sachen seien in Syrien nicht mehr vorhanden: Kein Strom, kein Wasser und keine Heizung.

Sein Ziel sei nun, die deutsche Sprache zu lernen. In dem Moment blickt er auf, schaut mich hoffnungsvoll an. In dem Moment sah ich meinen Schüler mit ganz anderen Augen. Bader Mahfouz, von sichtbaren und unsichtbaren Narben geprägt, aber dennoch so optimistisch. Ja, der Lehrer lernt manchmal vom Schüler.

Eine Flucht in Bildern sehr ihr in unserer Galerie "Syrischer Wanderurlaub".

Güler Malkac
20 Jahre, Bremen
... hat mehr von ihrem Schüler gelernt, als er von ihr.

Projektpartner