Von Dreyfus bis Pegida

Die Angst vor dem Fremden gibt es nicht nur auf Pegida-Demonstrationen: Laut der repräsentativen Leipziger „Mitte-Studie“ aus dem Jahre 2014 haben fast 30 Prozent der Deutschen Angst vor einer gefährlichen Überfremdung ihres Landes. Fast 25 Prozent der Deutschen seien sogar der Ansicht, Ausländerinnen und Ausländer müssten zurückgeschickt werden, wen die Arbeitsplätze in Deutschland knapp werden.

Verräter N° 1

Der psychologische Fachbegriff für diese Angst lautet Xenophobie: „Eine Phobie beschreibt eine übersteigerte Angst, in diesem Fall vor Fremden“, erklärt Borwin Bandelow, Angstforscher an der Universität Göttingen. Der Begriff stammt aus Frankreich Anfang des 20. Jahrhunderts. Der erfolgreiche jüdische General Alfred Dreyfus wurde beschuldigt, Informationen an die Deutschen verraten zu haben.  In einem die Nation bewegenden Prozess wurde er trotz geringer Beweise und, wie sich später herausstellte, fälschlicherweise verurteilt. Den Prozess begleitete eine Welle des Antisemitismus und der Fremdenfeindlichkeit, in den Zeitungen wurde nur noch vom „Juden Dreyfus“ gesprochen und seinen Rauswurf aus der Armee begleitete ein wütender Mob aus 20.000 Menschen. Der französische Literaturnobelpreisträger Anatole France benannte das Phänomen 1906 mit dem Begriff Xenophobie. Das historische Beispiel zeigt: Aus Angst heraus kann schnell Feindlichkeit entstehen. Deshalb lohnt es sich, ihrer Herkunft nachzugehen.

Angst als Schutzfunktion

Bandelow bietet eine sehr einfache Erklärung: Unsere Vorfahren sind schuld. „Das ist wie die Angst vor Spinnen“, sagt er. Vor vielen Jahrtausenden brauchten wir sie als Schutzfunktion, aber mittlerweile gebe es in Deutschland gar keine gefährlichen Spinnen mehr. Als wir also noch als Höhlenbewohner*innen in Stämmen durch die Natur zogen, waren die Nahrungsmittel knapp und der Kampf darum wichtig. Fremde waren Konkurrent*innen. Deshalb hätten wir heute noch Angst vor Menschen aus fremden Kulturen. Die Situation sei heute natürlich eine andere, aber „wir werden eben mit der überflüssigen Xenophobie, dieser alten Abwehrhaltung, geboren“. Gegen diese ernüchternde Erkenntnis hat der Professor ein Rezept: Begegnung. Mit Ängsten müsse man sich auseinandersetzen. Nach hundert harmlosen Begegnungen werde den Ängstlichen klar, dass die Angst unbegründet sei.

Fakten gegen Ängste

An Begegnung als Mittel zur Überwindung von Ängsten kann Rolf Haubl nicht so Recht glauben: „Die Forschung zeigt, dass das keineswegs immer funktioniert.“ Der Sozialpsychologe vom Siegmund-Freund-Institut in Frankfurt erklärt Fremdenangst mit einer verunsicherten Identität: „Wenn ich mich als Mensch zweiter Klasse sehe, projiziere ich das auf die Fremden.“ Die Ursachen seien deshalb nur sehr schwer zu verallgemeinern, so Haubl. Oft fühlten sich die Menschen mit Fremdenangst in irgendeiner Form benachteiligt. „Das muss aber nichts mit der Realität zu tun haben“, stellt der Professor klar. Die Gesellschaft müsse dieses Gefühl der Benachteiligung mit Fakten widerlegen. Dass das nicht einfach wird, weiß auch Haubl: „Jemand, der ‚Lügenpresse‘ schreit, glaubt ihr auch nicht.“

Denn so normal und verbreitet die Angst vor Fremdem ist, sie darf nicht zur Handlungsmaxime werden. „Die Xenophobie wird von Demagogen ausgenutzt“, beklagt Professor Bandelow. Dabei überlagerten sich irrationale Fremdenängste mit berechtigten Sorgen. „Angst ist ein schlechter Ratgeber“, sagt Sozialpsychologe Haubl.

Fakten über Vorteile lest ihr in unserem Check.

Albert Wenzel
18 Jahre, Hamburg
…fürchtet sich manchmal vor den vielen Ängstlichen in Deutschland.

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