Weihnachten und Ramadan

Muslime in Stuttgart

Mit den Geflüchteten kommen hunderttausende Muslim*innen nach Deutschland. Viele Deutsche sind verängstigt, da sie befürchten, dass ein starker Anstieg der Zahl der Muslim*innen in Deutschland zu Schwierigkeiten führen könnte. Die muslimische Weltsicht sei nicht mit unserem westlich-demokratischem Wertekanon kompatibel und es drohe deswegen eine „Islamisierung des Abendlandes“, glauben zum Beispiel die Anhänger*innen von Pegida. Die Angst der Bevölkerung vor dem Unbekannten ist groß und mit ihr kommen die Vorurteile. So viel wie derzeit wurde noch nie über muslimische Werte diskutiert. Doch sollten wir nicht anstatt nur über muslimische Werte zu reden, erst einmal mit den Menschen reden?

„Die Medien liegen falsch“

Rida* und seine Familie führten in Syrien ein glückliches Leben. Doch dann kam der Krieg und sie mussten fliehen. Seit einem Jahr leben sie nun in Stuttgart. Laut Rida werden die geflüchteten Muslim*innen in Deutschland falsch verstanden: „Die Vorurteile und das von den Medien erzeugte Bild über Muslime stimmen nicht“, erklärt er. Mit Anhänger*innen anderer Religionen hatte Rida in Syrien nie Probleme: „Wir haben mit den Christen Weihnachten gefeiert und sie mit uns Ramadan.“ Die Probleme seien erst durch den Islamischen Staat (IS) gekommen und der sei ein Produkt von Baschar al-Assads Regierung. Rida wirkt aufgebracht, er erzählt und erzählt. Als wolle er, dass diese Vorurteile endlich abgeschafft würden. Denn er leidet darunter: „Mir tut es weh zu sehen, wie Menschen auf Abstand gehen, wenn sie merken, dass du Flüchtling und Muslim bist“, gesteht Rida.

Ein weiteres Vorurteil will er aus dem Weg räumen. Er unterdrücke seine Frau nicht, sie seien seit 18 Jahren glücklich verheiratet: „Frauen sind für uns sehr wichtig. Nirgends im Koran steht, dass man sie unterdrücken soll“, meint Rida. Sicher gebe es manche Fälle von Frauenunterdrückung, aber das habe nichts mit dem Islam zu tu. Kultur und Gewohnheit spielten hier eine große Rolle: „Der Vater hat das so gemacht und dann macht der Sohn das eben auch so.“ Rida macht einen ehrlichen Eindruck, man will ihm Glauben schenken. Doch eine Sache macht stutzig: Während des gesamten Gesprächs taucht seine Frau nicht einmal auf. Sie arbeitet im Hintergrund, macht Essen, aber man sieht sie nicht.

Nicht allen ist die Religion wichtig

Abo, der 17 Jahre alt ist, wohnt seit eineinhalb Jahren in Stuttgart. Weil er in Algerien keine Perspektive für sich sah, ist er nach Deutschland geflüchtet. An der Kultur hier mag er vor allem das friedliche Miteinander und den Respekt vor anderen Menschen. In Algerien sei das nicht so gewesen. Abo ist Muslim, doch ein Problem mit den Anhänger*innen anderer Religionen hat er deshalb nicht. Er erklärt uns: „Mensch ist Mensch, jeder ist gleich.“ Mehr will er nicht über Religion sagen. Im Miteinander spielt sie für ihn keine große Rolle.

Zwei Muslime, zwei friedliche Menschen, die glaubhaft Vorurteile gegen sie widerlegen. Eins wird deutlich: Man sollte nicht pauschalisieren. In jeder Gesellschaft, in jeder Religion wird es immer gute und schlechte Menschen geben. Auch unter Deutschen. Vielleicht sollte man einfach einmal aufhören, sich immer nur die schlechten Beispiele rauszusuchen.

*Name von der Redaktion geändert

Mehr zum Thema Islam und Integration könnt ihr in den Beiträgen von Ibrahim Loul und Osama Ismail erfahren. 

Alina Welser
17 Jahre, München
... hat bei Ridas Familie gelernt, Orangen zu schälen.

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