Willkommenskulturen

Manfred Kees ist als Kind aus dem Sudetenland geflüchtet.

Manfred Kees: „Wir haben Deutschland mit aufgebaut“

Deutschland 1946: Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Deutschland hat verloren und wird von vier Besatzungsmächten verwaltet. Ganze Städte liegen in Trümmern, es gibt zu wenig zu essen, zu wenige Wohnungen, kaum Arbeitsplätze. Ausgerechnet in dieser Zeit kommen mehr als 13 Millionen Menschen ins Land. Sie sind Angehörige deutscher Minderheiten, die von den Sowjets aus Osteuropa vertrieben werden.

Einer von ihnen ist Manfred Kees. Mit viereinhalb Jahren steht er an der Hand seiner Mutter auf dem Dorfplatz in einem kleinen fränkischen Dorf und wartet. Keiner nimmt sie mit. „Es war schlimm, übrig zu bleiben“, sagt Kees heute. In seinem Wohnzimmer in Bayreuth legt er alte Schwarzweiß-Fotos und Informationsmaterial über die Vertreibung der Sudetendeutschen auf den Tisch. An die Flucht selbst hat er nicht viele Erinnerungen. In seiner Heimat, dem Sudetenland im heutigen Tschechien, habe man auf sie geschossen. Warum, hat der Vierjährige nicht verstanden. In Viehwaggons wurden sie nach Deutschland transportiert, wo sie zunächst in Massenquartieren in Hof und Bayreuth untergebracht wurden.

Am schlimmsten war aber dieser Moment auf dem Dorfplatz. Erst nachdem sich der Bürgermeister für sie eingesetzt hatte, kam die Familie auf einem Bauernhof unter. „Wir Sudetendeutschen sind aufgenommen worden“, sagt Kees, „aber mit Widerstand.“ In der Schule sei er in der Anfangszeit beschimpf worden. Als „Flüchtling“, „Dahergelaufenen“ oder „Rucksackdeutschen“ haben seine Mitschüler*innen ihn bezeichnet. Doch das sei vorbeigegangen. So wie alle Probleme vorbeigegangen sind. „Veränderungsprozesse brauchen Zeit“, sagt Kees heute. Deshalb müssten Einheimische wie Geflüchtete einfach Geduld haben – egal ob 1946 oder 2016.

Jessica Richter: „Wir wurden sehr herzlich empfangen“

Deutschland 1989: Das Land ist geteilt. In der DDR rumort es, immer mehr Menschen fliehen. Sie wissen nicht, dass die Mauer im November fallen wird. Im Sommer und Herbst gelingt Tausenden die Flucht über Ungarn in die BRD. Auch die Eltern von Jessica Richter haben sich entschieden, den Überwachungsstaat zu verlassen. Als die Familie nach Ungarn aufbricht, glaubt die Sechsjährige, dass es in den Urlaub geht. An der Grenze muss das Mädchen ein Kofferradio festhalten und so tun, als ob es schläft. In dem Radio stecken die wichtigsten Dokumente der Familie. Erst als die Grenze nach Österreich überquert ist, erfährt Richter, dass sie nicht mehr zurückfahren wird.  

„Wir wussten gar nicht, wo wir hinkommen“, erinnert sie sich heute. „Die Leute haben uns Platz gemacht und applaudiert.“ Aber das seien fremde Menschen gewesen. Die ersten Wochen und Monate hat die Familie in einer Massenunterkunft in Würzburg und in einem Kloster in Bad Wurzach verbracht. Dann haben sie eine Wohnung in einem 300-Seelen-Dorf im Allgäu bezogen.

In Jessica Richters Erinnerung waren die Menschen in der BRD sehr freundlich und herzlich. Die Dorfbewohner*innen hätten ihnen geholfen, wo es ging. Es gab aber auch Menschen, die misstrauisch waren. Dass beide Eltern der Familie gearbeitet haben und die Kinder nicht getauft waren, konnten in dem kleinen Allgäuer Dorf nicht alle verstehen. Mit offener Feindseligkeit sei ihr aber niemand begegnet: „Wenn, dann wurde hintenrum geredet oder die Leute haben uns einfach gemieden.“ Richter fand sich in ihrem neuen Leben schnell zurecht. Die freundliche Behandlung der meisten Einheimischen half ihr, sich in ihr neues Umfeld zu integrieren.

Firas Adel*: „Ich kann noch gar nicht urteilen“

Deutschland 2016: Im wirtschaftlich stärksten Land Europas steht eine große Frage im Raum: Schaffen wir das? Seit Monaten kommen viele Geflüchtete in der BRD an. Das ehrenamtliche Engagement eines Teils der Bevölkerung wächst. Die Angst eines anderen Teils auch. Das alles weiß Firas Adel nicht, als er mit dem Zug die Grenze überquert. Über die Balkanroute haben der 14-Jährige, seine Tante, seine Cousine und ein Onkel es bis nach Passau geschafft. Seine Eltern sind in Syrien geblieben.

Knapp zwei Monate später steht Firas in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Bayreuth neben einem Stockbett aus schwarzem Metall. Wie die Deutschen mit ihm umgehen? Er schüttelt den Kopf. Beim Fußballspielen, sagt Firas, nennen sie ihn einen Ausländer. Einen ohne Pass. Dabei seien die meisten seiner Fußballfreunde selbst Migranten. Ansonsten weiß der Junge mit den großen dunklen Augen und dem Undercut nicht so recht, was er über Deutschland sagen soll. Die Deutschen seien alle sehr nett, findet er. „Hier ist Frieden“, sagt Firas. Das ist das Wichtigste für ihn.

Wie Deutschland wirklich ist, darüber will er noch nicht urteilen. Er kennt die Deutschen ja nur vom Einkaufen. Solange er in der Erstaufnahmeeinrichtung lebt und mit seinen Mitbewohner*innen nur arabisch spricht, fühlt er sich überhaupt nicht in Deutschland angekommen, sagt Firas. Er möchte Deutsch lernen, Deutsche kennenlernen. Und dann, wenn er weiß, ob er eine Chance bekommt, Deutschland mitzugestalten, dann möchte Firas sein Urteil fällen.

*Name von der Redaktion geändert

Warum manche Menschen in die DDR einwandern wollten, lest ihr hier. Wie türkische Gastarbeiter*innen in Deutschland aufgenommen wurden, berichtet Katharina Kunert

Anna Munkler
24 Jahre, Kempten
… wüsste gerne, wie sich Firas in 70 Jahren an seine Ankunft erinnert.

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