"Wir waren Exoten"

Mahmoud Dabdoub

Mahmoud Dabdoub kommt gerade vom Friseur. Er hat sich die angegrauten Haare schneiden und den Bart stutzen lassen. Höflich entschuldigt er sich für die kleine Verspätung. Als Treffpunkt wählte der 58-jährige Fotograf ein Café in Leipzig. Menschen aller Nationalitäten und Altersstufen trinken hier Kaffee oder Tee, essen Baklava und Simit, türkische Spezialitäten. Zur Zeit des Mittagsgebets werden am Nachbartisch "Allah u Akbar"-Rufe von einem Handy abgespielt.

Was sich im Westen Deutschlands durch Gastarbeit und Zuwanderung seit den 1960er Jahren zum Lebensalltag von Großstädter*innen entwickelt hat, scheint neu für Leipzig. In der ehemaligen DDR lebten nur wenige Ausländer*innen: 190.000 im Jahr des Mauerfalls, was etwas mehr als einem Prozent der damaligen Bevölkerung entsprach. Über die Hälfte von ihnen waren Vertragsarbeiter*innen, die die neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung aufgrund von Perspektivmangel verließen. Außerdem einige Griech*innen und Chilen*innen, denen der Staat Asylrecht gewährte und über 10.000 ausländische Studierende.

"Im Flüchtlingslager lebt man auf gepackten Koffern"

Zu diesen Studierenden zählte auch Mahmoud Dabdoub, der 1981 über ein Stipendium des Künstlerverbandes der DDR aus dem Libanon nach Leipzig kam.
"Ich hatte Glück", weiß Mahmoud und sein Blick durch seine Brillengläser hindurch ist fest. 1948 wurde Mahmouds Familie aus Palästina vertrieben, er selbst wurde in einem Flüchtlingslager im Libanon geboren. Anrecht auf eine libanesische Staatsbürgerschaft hatte er nicht, lediglich ein Papier, dass ihn als palästinensischen Flüchtling ausweist. Früh begann Mahmoud zu zeichnen, zunächst Landkarten und Körperteile für den Schulunterricht, später Szenen aus dem Lagerleben. "Die Bilder drücken meine tiefsten Empfindungen aus", sagt Mahmoud, "Sie helfen mir zu verarbeiten." Als Junge kellnerte er, um sich mit dem Beginn der Schule Kleidung, Farben und Malkarton leisten zu können. Durch einem Job in einem Fotoladen hatte er ersten Kontakt zur Fotografie. Der Künstler Ismail Shammout wurde auf den Jungen aufmerksam und ermutigte ihn, sich für das Stipendium zu bewerben.

Der Gast respektiert den Gastgeber


Mahmoud erinnert sich gerne an die DDR, in der er zunächst Deutsch lernte und dann ein Hochschulstudium für Grafik und Buchkunst aufnahm. "Wie irre hab ich fotografiert", lacht er, "Die untereinander herrschende Solidarität, die Bodenständigkeit - die DDR war zwar grau, aber die Menschen haben sie bunt gemacht." Rassismus habe er kaum erfahren, nur ein einziges Mal seien er und eine Freundin beleidigt worden. Weil es keine Moscheen gab, haben seine palästinensischen Freund*innen und er im Clubraum des Studierendenwohnheims gebetet. "Ich kann mich anpassen", betont Mahmoud, "aber nicht aufgeben." Nach dem Ende seines Studiums beschloss er, eine Aufenthaltsverlängerung zu beantragen, die bewilligt wurde. 1992 holte er seine Frau aus dem Libanon nach Deutschland. "Leipzig ist meine Endhaltestelle", erklärt Mahmoud.

Kunst gegen die Ungerechtigkeit

Zweigeteilt fühle er sich trotzdem. Mit gefalteten Händen fährt er in der Mitte seinen Oberkörpers entlang und öffnet die Bewegung zu beiden Seiten. Die linke Hand verweilt auf seinem Herzen und er seufzt: "Palästina." Etwa ein Mal im Jahr fliegt er in den Libanon, um den dort verbleibenden Teil seiner Familie zu besuchen. Auch dort fotografiert er, manche seiner Motivideen skizziert er mit der Hand vor. "Bilder sprechen für sich", findet Mahmoud, "und vermitteln gerade dadurch eine Botschaft." Es sei ihm wichtig, mit seinen Fotografien auf die jedem System innewohnend Kluft zwischen propagiertem Ideal und Wirklichkeit aufmerksam zu machen. Fragt man Mahmoud nach der Botschaft seiner Bilder, antwortet er: "Ich möchte, dass man die Menschlichkeit ernst nimmt."

Einige der Fotos, die Mahmoud im Libanon, in Palästina und in der DDR aufnahm, seht ihr in dieser Bildergalerie. Über verschiedene Willkommenskulturen in Deutschland lest ihr hier, über die Gastarbeiterbewegung im Beitrag "1961 - 2016: Parallelen?".

Sophia Alt
21 Jahre, Magdeburg
... in der DDR war auch nicht alles schlecht.

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