Zwischen Diktatur und Bürokratie

Omar Sourakli beim Interview

Seit dem Beginn des Arabischen Frühlings, der viele Menschen zur Flucht ins sichere Ausland zwang, sind fünf Jahre vergangen. Deutschland zählt zu den europäischen Ländern, die in den letzten zwei Jahren vielen Geflüchteten Asyl gewährten, die wegen der stetig wachsenden Gewalt ihrer Heimat den Rücken kehren mussten. Die größte Gruppe kommt aus Syrien, das selbst einst zu den Ländern des Nahen Ostens zählte, das viele Geflüchtete aufnahm. Deshalb erleichterten viele Nachbarländer die Wege der Syrer*innen, die vor Tod und Terror in ihrem Heimatland flohen.  

In Deutschland mussten zahlreiche Notunterkünfte eröffnet werden. Bei der Aufnahme und Versorgung der Geflüchteten war die Regierung von Angela Merkel gezwungen, die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Organisationen und Vereine anzunehmen und ihnen Aufgaben zu übergeben, die eigentlich in der Regierungsverantwortung liegen. Antje, die für den Internationalen Bund (IB) eine der Flüchtlingsunterkünfte in Frankfurt (Oder) leitet, steckt mittendrin. Sie meint, dass vor allem die deutsche Bürokratie die Arbeit ihrer und vieler anderer Organisationen behindere.

Ausmerzung von Staatswegen

Als Syrien während der Kriege im Irak (seit 2003) und im Libanon (2006) viele Geflüchtete aufnahm, war die Lage komplizierter, da fast alle Lebensbereiche der Kontrolle des Regimes von Baschar al-Assad unterlagen. Maher* erzählt, dass die Regierung Aktivist*innen genau beobachtete: „Es kam sogar dazu, dass ihnen die Arbeit ganz untersagt wurde.“ Mit dem Beginn der syrischen Revolution im Jahr 2011 nahm die Regierung die Organisationen noch stärker ins Visier. Viele Aktivist*innen des syrischen Roten Halbmonds fielen dieser Repression zum Opfer. Laut der Organisation starben Dutzende ihrer Mitarbeiter*innen. Das Schicksal anderer ist bis heute ungewiss. 

In Deutschland gründete Thomas Klähn 2014 in Frankfurt (Oder) mit einer Freundin den Verein Vielfalt statt Einfalt e.V. Dafür musste er nicht erst auf die Zustimmung der Regierung oder politischer Parteien warten, wie das in Syrien nötig gewesen wäre. Anfangs gab es keinerlei Förderung, außer von persönlichen Bekannten Klähns. Mittlerweile hat sich der Verein aber etabliert und hilft Geflüchteten auf unterschiedliche Art und Weise. „Die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung wird leichter“, meint Klähn. „Wir dürfen nun einige städtische Gebäude für unsere Aktivitäten nutzen.“ So wollen die Freiwilligen von Vielfalt statt Einfalt eine Willkommenskultur für Neuankömmlinge schaffen. 

Geflüchtete als Druckmittel

In Syrien nutzte die Regierung von Baschar al-Assad die Ankunft der vielen Iraker*innen und Libanes*innen aus, um mehr europäische Hilfsgelder zu erhalten. Diese wurden jedoch nicht an die Geflüchteten verteilt bzw. nur selten in der Flüchtlingshilfe eingesetzt. Stattdessen wurde die Aufnahme und Versorgung der Geflüchteten von Freiwilligen und Aktivist*innen übernommen, die sie sogar an den Grenzen empfingen. Viele der Aktivist*innen waren im syrischen Roten Halbmond aktiv oder in informellen Gruppen organisiert, ohne in der Lage zu sein, richtige Organisationen zu gründen. „Wenn wir das doch versuchten, trat uns die Regierung mit viel Misstrauen gegenüber“, so Ibrahim*, der sich in jenen Jahren in Syrien für Geflüchtete engagierte.  

Der Mensch zeichnet sich durch sein soziales Wesen vor anderen Spezies aus und hat daher viele Mittel und Wege gefunden, die ihm die Kommunikation mit anderen Menschen erleichtern. So zum Beispiel gesellschaftliche Netzwerke oder Vereine. Dieser Wille des Menschen wird schlussendlich alle Grenzen überwinden. Auch wenn einige Gruppen dies ablehnen – sei es aus purer Angst oder weil sie ihre eingeschränkte Lebens- und Sichtweise beibehalten wollen.  

*Name von der Redaktion geändert

Übersetzung aus dem Arabischen: Iman Nousair 

Mehr über die Situation in Syrien erfahrt ihr hier. Von der Lage politischer Gefangener in Syrien berichtet Abd Al-Qadir Badra

Omar Sourakli
23 Jahre, Damaskus
... ist einer der Träumer, die John Lennon in seinem Lied "Imagine" besungen hat.

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